Aufsatz 
Einhards Translatio SS. Marcellini et Petrie in kulturgeschichtlicher Beziehung
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24. er reiſte, durch ein Hindernis aufgehalten, der Kaiſerin nach, von Aachen über Maastricht nach Valenciennes; da er aber unterwegs ſchwer erkrankte, ſo gab er mit Erlaubnis des Kaiſers die Weiterreiſe auf und begab ſich zu Schiff von Valenciennes nach Gent 25. Von hier aus bat er den Kaiſer um Erlaubnis nach Mühlheim zurückkehren zu dürfen, er erhielt ſie und reiſte etwa Mai/Juni zu Schiff von Gent nach Hauſe, wo wir ihn um Mitte Auguſt 830 bei ſeinen Heiligen wieder finden. Alſo fünfundzwanzig größere Reiſen wurden in dem kurzen Zeitraum von dreieinhalb Jahren entweder von Einhard ſelbſt oder in ſeinem Auftrage von einigen ſeiner Leute unternommen und ausgeführt! Das iſt doch wahrlich ein Reiſeverkehr, wie er ſelbſt heute nicht ſo leicht im Hauſe eines Großen zu finden iſt. Freilich muß man berückſichtigen, daß manche dieſer Reiſen nur dadurch veranlaßt waren, daß es an einer Briefbeförderung von ſeiten des Staates durch eine Poſt damals gänzlich fehlte. Jeder Briefſchreiber mußte ſeine Briefe durch eigene Boten an den Adreſſaten befördern, wenn er nicht durch reiſende Kaufleute oder Boten anderer eine Gelegenheit dazu fand.

Hierfür einige Belege aus Einhards Briefen. An einen Geiſtlichen in Metz ſchreibt unſer Verfaſſer, wie es ſcheint, von Aachen aus: adventus pueri vestri, qui mihi litteras vestras attulit u. ſ. w. ¹). Beſonders lehrreich iſt in dieſer Beziehung ein Brief(jedenfalls aus Obermühlheim) an einen Freund, der offenbar in den Niederlanden wohnte. Einhard hatte dem Boten zwei Briefe mitgegeben: den einen eben an jenen Freund, den andern an den Abt Fulko von St. Vendrille(in der Nähe von Rouen).Wenn mein Knecht weiter reiſen kann, ſo lautet der Schluß des erſten Briefes,dann, bitte, laſſe ihn durch einen Deiner Leute dahin geleiten; wenn er aber, wie das zu kommen pflegt, wegen Ermüdung ſeiner Pferde ſeine Reiſe nicht fortſetzen kann, ſo, bitte, nimm Du den an Fulko beſtimmten Brief in Empfang und beſorge ihn durch jemand dahin; erſuche den Fulko, ſein Antwortſchreiben an mich Dir zuzuſtellen, und Du laſſe dann daſſelbe an mich gelangen, ſobald Du einen geeigneten Überbringer gefunden haſt.¹) In den kaiſerlichen Pfalzen war an Gelegenheiten zur Briefbeförderung wohl kein Mangel; an den kaiſerlichen Bibliothekar Gerward wenigſtens ſchreibt Einhard einmal: non deerunt perlatores, si hoc, quod scripseris, Bonotto vicedomino nostro mittere volueris.

Unter den oben angeführten Reiſen, die von Einhard und ſeinen Leuten in einem Zeitraum von dreieinhalb Jahren(vom Winter 826/27 bis Sommer 830) unternommen wurden es ſind, die Rückreiſen nicht mit eingerechnet, im ganzen achtzehn hatten allerdings einige(vergleiche Seite 13 Nr. 4, 6, 9, 21) keinen anderen Zweck als den der Beförderung von Briefen oder Nachrichten, mit der untergeordnete Perſonen, pueri d. ſ. Diener, Knechte, betraut waren. Nach den Reiſezwecken und Zielen würden ſich jene achtzehn Reiſen etwa in folgender Weiſe gruppieren. Einhard ſelbſt unternahm in dem angegebenen Zeitraum ſieben: vier davon ſind Hofreiſen nach Aachen(die Entfernung Aachens von Mühlheim reſp. Michelſtadt beträgt zweiunddreißig reſp. vierunddreißig Meilen); die anderen drei ſind Abſtecher, die von Aachen aus unternommen wurden und zwar nach den Klöſtern St. Petri und St. Bavons in und bei Gent, wenn auch das Reiſeziel des dritten Abſtechers urſprünglich Compiègne war, das aber nicht erreicht wurde. Die durch dieſe Reiſen bedingte Abweſenheit Einhards von ſeinen Beſitzungen im Maingau und im Odenwald machte weitere ſechs Reiſen von untergebenen Klerikern oder Boten auf der Linie Obermühlheim⸗Aachen nötig. Die übrig bleibenden fünf(theilweiſe ſehr großen) Reiſen hängen unmittelbar mit der Erwerbung der Reliquien St. Marcellins und Petri zuſammen; nämlich erſtens Ratleiks Reiſe von Aachen über Soiſſons nach Rom (ungefähr zweihundert Meilen) und von da zurück nach Michelſtadt(circa einhundertſechszig Meilen); zweitens die Abſendung eines Boten von Pavia nach Gent(circa einhundertzehn Meilen); drittens die Reiſe der zur Einholung der Reliquien von Einhard abgeordneten Kleriker und Laien von Maastricht nach Solothurn (circa ſechszig Meilen); viertens die Abſendung zweier Geiſtlichen von Aachen nach Soiſſons zur Empfang⸗

111) ep. 6 bei Jaffé(biblioth. rer. germ. IVY. ²) ep. 50.*) ep. 39.