Aufsatz 
Einhards Translatio SS. Marcellini et Petrie in kulturgeschichtlicher Beziehung
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Jahres 828 in Deutſchland antreffen(in Obermühlheim und Aachen,§ 26). Bei der Erhebung der Gebeine des heiligen Hermes(829 oder anfangs 830) war Deusdona wieder in Rom, wo er ein Haus beſaß; Mitte Auguſt 830 traf erRoma veniens in Obermühlheim bei Einhard ein, dem er, wie erwähnt, ein Fingerglied jenes Heiligen zum Geſchenk machte(§ 23). Vorher hatte indeſſen ſchon einer ſeiner Leute, namens Sabbatinus, dieſelbe Reiſe von Rom nach Obermühlheim gemacht(§ 93). Wahrlich, ein reger Verkehr zwiſchen Rom und den jenſeits der Alpen gelegenen Ländern! Für Deusdona muß die beſchwerliche und langwierige Reiſe von Rom ins alte Frankenreich keine beſonderen Schrecken gehabt haben, da wir ihn in kaum fünf Jahren(826 bis 830) ſechsmal das Hochgebirge der Alpen überſteigen ſehen. Nur einen ganz kleinen Riß machen gleichſam dieſe wenigen der translatio entnommenen Notizen in den Vorhang, der uns das Verkehrsleben im damaligen Frankenreich faſt vollſtändig verhüllt. Aber was wir durch dieſen kleinen Riß ſehen, das genügt, um in uns die Vorſtellung zu erwecken, daß der Verkehr zwiſchen Rom einerſeits und Deutſchland⸗Frankreich andererſeits zu Ludwigs des Frommen Zeiten immerhin ein ziemlich lebhafter geweſen ſein muß.

Sehen wir nun, wie es mit dem Verkehr nach anderenloca sanctorum ſteht. Auch hier wird unſer Staunen nicht gering ſein, wenn wir leſen, welch' weite Reiſen kranke Leute unternahmen, um an den Altären von Heiligen, deren Wunderthätigkeit in beſonderem Rufe ſtand, Heilung ihrer Gebrechen zu finden. In Obermühlheim beim heiligen Marcellinus und Petrus, die ſich ſehr bald nach ihrer Ankunft in Franken außerordentlich wunderthätig erwieſen, finden wir, um nur die von weither gekommenen Kranken aufzuführen, folgende Perſonen Heilung ſuchend: 1. eine gelähmte Frau aus Köln, die zu Schiff gekommen war(die Entfernung von Obermühlheim bis Köln beträgt dreißig Meilen). Als ſie bei Einhards Heiligen nicht ſofort Geneſung fand, fuhr ſie zu St. Alban bei Mainz, kehrte in der Folge aber wieder nach Mühlheim zurück 2. einen an Muskelkontraktion leidenden Mannde vico Leodico(Lüttich, fünfunddreißig Meilen) 3. einen an derſelben Krankheit leidenden Greis aus dem Aargau in der Schweiz, ſeines Stammes ein Alemanne(die Entfernung beträgt vierzig bis fünfundvierzig Meilen) 4. einen Knaben von fünfzehn Jahren, ſo krumm, daß er nur liegend den Himmel ſehen konnte,de pago Portiano d. h. aus der Gegend von Sedan gebürtig und zwar aus dem Arrondiſſement Rhétel oder Mozières in den Ardennen, wo die Städtchen Chateau⸗ Porcien und Chaumont en Porcien liegen(etwa fünfundvierzig Meilen) 5. ein taubſtummes Mädchen de pago Biturigum d. h. aus der in der Mitte Frankreichs gelegenen Landſchaft Berry(circa achtzig Meilen von Obermühlheim entfernt) 6. einen blinden Mann aus Aauitanien d. h. aus dem Land zwiſchen Loire und Garonne lſicherlich neunzig Meilen bis Obermühlheim) 7. ſchließen wir daran eine Notiz, die ſich auf Maastricht bezieht. Hier wurde durch die Reliquien geheilt ein blinder Mann aus dem Lande Burgund und zwar aus der Gegend von Genf gebürtig(die Entfernung beträgt mindeſtens auch ſiebzig Meilen) und von Aachen bemerkt Einhard ausdrücklich, daß zu den daſelbſt befindlichen Reliquienteilen Marcellins nicht bloß aus den umliegenden Dörfern die Menſchen zuſammengeſtrömt ſeien, ſondern auchde longinquioribus locis ac pagis(§ 28).

Indeſſen darf man nicht annehmen, daß alle dieſe Leute unmittelbar von ihrer Heimat aus nach Obermühlheim beziehungsweiſe Maastricht gereiſt ſeien. Dies iſt nur bei der Kölnerin der Fall. Die anderen Perſonen hatten die oben angegebenen weiten Wegſtrecken wohl nur in der Weiſe zurückgelegt, daß ſie, Heilung ſuchend, von einem Heiligen zum andern zogen. Von dem taubſtummen Mädchen aus Berry ſagt uns Einhard dies geradezu: quam(puellam) pater eius ac frater salutem quaerendi gratia per multa Sanctorum loca trahentes tandem illuc(Mulinheim) perductam inter caeteras in eadem ecclesia (8S. Marc. et P.) stare fecerunt(§ 38), und ähnlich heißt es von einer paralytiſchen Nonne aus der Wetterau: ſie war ſeit zehn Jahren kranket iam a parentibus suis desperata, quoniam ad omnia Sanctorum loca, ad quae ipsi poterant pervenire, eamdem deduxerant(§ 52). Manche freilich waren auch nur Bettler, die im Lande umherzogen von Kirche zu Kirche, von Kloſter zu Kloſter, um ſich durch