Aufsatz 
Einhards Translatio SS. Marcellini et Petrie in kulturgeschichtlicher Beziehung
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ſich knüpfenden kleinen Begebenheiten im Laufe von etwas über drei Jahren abſpielten, Gerade aber dieſe Breite und Ausführlichkeit der Darſtellung macht die translatio trotz des unbedeutenden Gegenſtandes ſo wertvoll für uns. Denn ſie führt uns durch ihre bis ins einzelne gehenden Schilderungen der Reiſe, der Wunder und alles deſſen, was mit den heiligen Reliquien zuſammenhängt, ſo tief hinein in das Leben des fränkiſchen Volkes am Rhein ums Jahr 830, wie es die zwar ungleich bedeutenderen aber unendlich knapper gefaßten rein geſchichtlichen Werke dieſer Zeit nicht leicht vermögen.

Selbſtverſtändlich ſind es nicht alle Seiten des Volkslebens, die uns die translatio mit gleicher Lebhaftigkeit vor die Augen führt. Von Kriegsweſen, von Recht und Verfaſſung konnte überhaupt nicht die Rede ſein in einer Schrift, deren Mittelpunkt zwei Heilige bilden. Und doch iſt es darum nicht bloß das kirchliche Leben vor tauſend Jahren, in das uns die Lektüre der translatio nach den verſchiedenſten Richtungen hin mitten hineinverſetzt durch die Ausführlichkeit der Wunderberichte. Es wird in der translatio z. B. ſehr viel gereiſt. Zwar fallen auf dieſe Seite des Volkslebens nur hie und da in Einhards Schrift nebenbei und gelegentlich einige Streiflichter, aber ſie genügten, um mich in der vorliegenden Abhandiung zu dem Verſuche zu veranlaſſen, an der Hand der translatio und mit Hinzuziehung der Einhardſchen Briefe aus derſelben Zeit ein Bild zu entwerfen vom Reiſen und vom Reiſeverkehr in der Zeit Ludwigs des Frommen, das, wenn es auch bei der Mangelhaftigkeit der darauf bezüglichen Angaben in jenen Quellen immerhin ſelbſt nur ein mangelhaftes ſein kann, dennoch für die Kulturgeſchichte nicht ganz wertlos ſein dürfte, da wir über die Verkehrsverhältniſſe im Zeitalter der Karolinger überhaupt ſo gut wie gar nicht unterrichtet ſind.

Zunächſt wollen wir verſuchen, uns von der Stärke des Reiſeverkehrs einen Begriff zu machen und demgemäß alle Reiſen zuſammenſtellen, deren in der translatio Erwähnung geſchieht.

Wanderluſtig ſind die Germanen von jeher geweſen. Als ſie Chriſten geworden waren, äußerte ſich ihr Wandertrieb in Wallfahrten nach heiligen Orten. Der erſte und beſuchteſte Wallfahrtsort im ganzen Frankenreiche war unſtreitig das Grab der Apoſtelfürſten Petrus und Paulus zu Rom. Es war ſchon damals das Ziel vieler frommen Reiſen. So traf nicht lange, nachdem die Reliquien St. Marcellins und St. Peters nach Obermühlheim übertragen waren, etwa im Sommer 828, eine Schar Pilger in dieſem Maindorfe ein,qui Romam ire volebant(tr.§ 37). Sie waren wohl von weit her gekommen, einer von ihnen wenigſtens, halbnackt und taubſtumm, war ein Angelſachſe aus England, der ſich an die andern angeſchloſſen hatte, um ſeine Mutter aufzuſuchen,quae Romam peregrinabatur(ibid.). Er blieb übrigens hier zurück, als die anderen ihre Fahrt fortſetzten. Ein Jahr vorher hatte Einhards Schreiber Ratleik ſich zu einer Pilgerfahrt nach Rom entſchloſſen, längſt bevor er von ſeinem Herrn den obenerwähnten Auftrag erhielt. Gerade eben deshalb,quia et ipse orandi causa Romam eundi votum habebat(§ 3) war er von Einhard zum Begleiter Deusdonas auserſehen worden. Im Jahre 830 finden wir wieder einen von Einhards Leuten in Rom, der als BüßenderSupplicandi causa, ut moris est poenitentibus(§ 91), dahin gezogen war und dortcum caeteris peregrinis der Erhebung des Körpers des heiligen Hermes beiwohnte. Alſo innerhalb drei bis vier Jahre ſehen wir allein von den Untergebenen eines fränkiſchen Großen zwei Perſonen die weite Reiſe nach Rom machen.

Doch auch umgekehrt der Verkehr von Italien nach dem heutigen Deutſchland und Frankreich muß ein ziemlich reger geweſen ſein. Machte doch der römiſche Diakon Deusdona innerhalb derſelben Zeit dreimal die beſchwerliche Reiſe über die Alpen hin und zurück. Im Winter 826/27 finden wir ihn in einer perſönlichen Angelegenheit zu Aachen am Hofe des Kaiſers(§ 2), wahrſcheinlich war er mit den Leuten Hilduins im Spätherbſt 826 über die Alpen gezogen(vergleiche S. 6). Im Frühjahr 827 reiſte er in Begleitung Ratleiks über Soiſſons nach Rom zurück. Im Herbſt deſſelben Jahres verläßt er mit Ratleik wiederum Italien und geht mit Hun nach Soiſſons(§ 13), während wir ſeinen Bruder Luniſo, der kurz vorhernegotiandi causa eine Reiſe von Rom nach Benevent gemacht hatte, in den erſten Monaten des