Aufsatz 
Einhards Translatio SS. Marcellini et Petrie in kulturgeschichtlicher Beziehung
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Valenciennes trafen dieſelben am 22. Juni ein. Von dieſem Tag bis zum 26. Juli¹) bis dahin reicht der Bericht bewirkten die Heiligen daſelbſt ſechszehn Heilungen, darunter neun an Blinden. In Gent langte das koſtbare Reliquiengeſchenk am 3. Juli 828 an und wirkte in drei Monaten das Protokoll ſchließt mit dem 30. Septemberꝛ) vierzehn Heilungen. Endlich nach dem Bericht der Maastrichter Mönche vom St. Servatiuskloſter wurden in der Zeit vom 4. bis 23. Juni 828 dreizehn kranke Perſonen geheilt, Blinde, Taubſtumme, beſonders aber Gelähmte.

Mit der Erzählung zweier Wunder, die ſich zwar in Obermühlheim ereigneten, an denen aber der heilige Marcellin und heilige Petrus nicht ganz allein beteiligt waren, beſchließt Einhard ſein Werk. Das eine dieſer Wunder geſchah nämlich einen Tag nach der Ankunft der Reliquien des heiligen Protus und Hyacinthus, das andere am 30. Auguſt 830, am Feſte des heiligen Hermes, von dem Einhard ein Fingerglied beſaß, das ihm Deusdona ſelbſt kurz vorher überbracht und zum Geſchenk gemacht hatte. Bald nach dem genannten Tage hat Einhard offenbar die Feder niedergelegt.Das ſind, ſo ſchloß er,unter den unzähligen Wundern dieſer Heiligen diejenigen, welche ich nach dem, was ich ſelbſt geſehen oder durch wahrhaftigen Bericht anderer in Erfahrung gebracht habe, aufzuſchreiben und dem Gedächtnis zu über⸗ liefern mich entſchloß. Ich bin gewiß, daß dieſe Schrift von ſolchen gern geleſen werden wird, die Chriſtum lieben und ſeine Märtyrer verehren, weil ſie wiſſen, daß nichts unmöglich iſt, was der allmächtige Gott zu thun beſchloſſen hat. Solchen aber, die ungläubig ſind und den Ruhm der Heiligen verkleinern, rate ich, dies Buch nicht zu leſen, weil es ihnen doch nur widerwärtig ſein wird; ſie möchten an meiner ſchlichten Schreibweiſe Anſtoß nehmen und ſich zu Gottesläſterungen und AÄußerungen der Scheelſucht hinreißen laſſen und ſomit zeigen, daß ſie Gott und den Nächſten haſſen, die ſie doch lieben ſollen.

Dieſe Schlußworte des frommen Mannes zeigen uns nebenbei, daß damals doch nicht alle Leute einen gleich ſtarken Wunderglauben wie Einhard beſaßen, daß es vielmehr ſicherlich nicht wenige gab, die über die ſich häufenden Wunderheilungen durch Reliquien ſtutzig wurden und die Richtigkeit derſelben bezweifelten. Einen weiteren Beweis dafür liefert auch Einhards große Sorgfalt, die er auf die Angabe der Quellen ſeiner Wunderberichte verwendet. Möglich daher, daß ſchon zu Einhards Zeit vereinzelt vorkam, was uns aus dem elften Jahrhundert berichtet wird, daß nämlich herumziehende Männer und Weiber ein Gewerbe daraus machten, an Kirchenfeſten als Lahme, Blinde u. ſ. w. geheilt zu werden.

J. Alber Reiſen und Reiſeuerkehr im Zeitalter udwigs des Frommen.

Schon vorſtehende Inhaltsangabe wird erkennen laſſen, daß in der That, wie Wattenbach bemerkt, vieles für die Sittengeſchichte nicht unwichtige unſerer Einhardſchen Schrift zu entnehmen iſt. Zudem iſt die ganze Erzählung mit einer Breite und Ausführlichkeit geſchrieben, von der man ſich erſt durch einen Blick auf des Verfaſſers Hauptwerk, die vita Caroli, eine Vorſtellung machen kann. Dem thatenreichen Herrſcherleben Karls des Großen widmet nämlich Einhard nur halb ſoviel Raum als dem Bericht über die übertragung zweier Heiligen und über die ihnen zugeſchriebenen Wunder, und dabei füllt die Regierung Karls faſt ein halbes Jahrhundert aus, während ſich die an die Reliquien St. Marcellins und St. Peters

¹) und ³) W. Gieſebrecht ſchreibt a. a. O. S. 237 irrtümlich25. Juli und25. September.