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Hilduin ließ ſich endlich durch Einhards dringende Bitten zur Herausgabe der geſtohlenen Reliquienteile beſtimmen. Zwei Kleriker Einhards holten ſie von Soiſſons ab und brachten ſie um Oſtern(828) nach Aachen. In der Marienkirche übergab Hilduin den entwendeten Schatz feierlich unſerem Einhard, der ihn alsbald in der Kapelle ſeines Hauſes zu Aachen aufſtellte und verwahrte. Auf die Kunde hiervon ſtrömten darauf von fern und nah eine Menge Menſchen herbei; Kranke und Schwache wurden in das Oratorium Einhards geführt, und nicht lange, ſo bewirkte der heilige Marcellin Wunderheilungen aller Art. Auch Kaiſer Ludwig beſuchte Einhards Hauskapelle und beſchenkte die Heiligen mit einem Dorfe an der Ahr; er ließ die Reliquien in eine größere Kirche bringen und bezeigte ihnen daſelbſt ſeine Verehrung. Sobald es anging, brachte indeſſen Einhard den teueren Schatz wieder ins eigene Haus. Als der Kaiſer mit ſeinem Gefolge— etwa im Juni— die Pfalz Aachen verließ und ſich auf die Jagd begab, reiſte auch Einhard ab. Auf dem ganzen Wege von Aachen bis Obermühlheim ſtrömten die Bewohner der nächſten Ortſchaften herbei und geleiteten unter Lobgeſängen von Morgen bis Abend den Zug. In Obermühlheim vereinigte ſodann Einhard die glücklich wieder erlangten Reliquienteile mit den übrigen Reſten St. Marcellins und verweilte hier bis zum Spätherbſt. Im November begab er ſich wieder nach Aachen.
Mit dem dritten Buch beginnt Einhard den Bericht über die Wunder, welche ſeine beiden Märtyrer gewirkt haben, ſeit ihre Körper nach Franken gebracht ſind. Einige dieſer Wunder hat Einhard ſelbſt geſehen, der größte Teil jedoch gelangte zu ſeiner Kenntnis durch den Bericht anderer Perſonen. Indeſſen nach dem, was er ſelbſt geſehen, iſt er feſt überzeugt, daß dieſen Leuten Glauben zu ſchenken iſt, wenn er auch teilweiſe bis dahin von ihnen„geringe oder gar keine“ Kenntnis hatte. Das ganze dritte Buch iſt denjenigen Wundern gewidmet, die ſich an der Ruheſtätte der Heiligen, erſt in Michelſtadt, dann in Obermühlheim ereignet haben. Deren hat er bis zum November, wo er wieder nach Aachen eilte, elf ſelbſt miterlebt. Während Einhards Abweſenheit(im Winter 828/29) trugen ſich weitere Wunder in Obermühlheim zu, über zwei derſelben wurden ihm Schriftſtücke nach Aachen geſandt. Die eine aus zwölf Kapiteln beſtehende Schrift enthielt Ratſchläge an den Kaiſer, wie es ſcheint, betreffs der ſich immer mehr verwickelnden Angelegenheiten des Reichs— trotzdem die Märtyrer dieſes Büchlein einem Geheilten gleichſam diktiert hatten, beachtete es Kaiſer Ludwig wenig oder gar nicht,— die andere eine Schilderung der troſtloſen Zuſtände des Reiches, die ein von den Heiligen zum ſprechen gebrachter böſer Geiſt entworfen hatte. ¹) Es.⸗ folgt der Bericht über ein Wunder, das Einhard wieder ſelbſt zu Obermühlheim am 2. Juni ſah, alſo wohl nach ſeiner Rückkehr von Aachen(Sommer 829). An dieſes ſchließt ſich ein anderes, das Einhards Begleitern im Dezember(829) auf der Hofreiſe nach Aachen in der Nähe von Wiesbaden widerfuhr. Das letzte Wunder, das das dritte Buch erzählt, hat Einhard in Obermühlheim wieder ſelbſt erlebt, das demnach wohl in den Sommer 830— nach Einhards Rückkehr von Aachen— zu ſetzen ſein dürfte.
teilweiſe nur aufgezählt, welche St. Marcellinus und St. Petrus an verſchiedenen anderen Orten gewirkt haben, an denen Teile oder Teilchen ihrer Reliquien aufbewahrt wurden. Das Buch beginnt mit denjenigen Wunderheilungen, die von den entwendeten und glücklich wiedererlangten Reliquienparcellen des heiligen Marcellin in der Pfalz zu Aachen ausgingen(vergleiche oben S. 7). Darnach giebt Einhard im weſent⸗ lichen die Berichte wieder, die ihm über die Wunderheilungen im St. Salviuskloſter zu Valenciennes, im St. Bavonskloſter zu Gent und im St. Servatiuskloſter zu Maastricht zugegangen waren. Dieſen drei Klöſtern, von denen das erſte unter dem Rektorat eines Freundes ſtand, die andern beiden Einhard ſelbſt untergeben waren, hatte er nämlich Reliquienteilchen ſeiner beiden Heiligen zum Geſchenk gemacht. In
¹) B. Simſon hat ſie in ſeinen Jahrbüchern des fränkiſchen Reichs und Ludwig des Frommen I. 301 verwertet; denn daß der Dämon nichts als lautere Wahrheit ſprach, zeigte Einhards ſchmerzlicher Ausruf: Ach, wohin ſind wir dekommen, wie elend iſt unſere Zeit, da ſelbſt böſe Geiſter, die ſonſt zum Böſen verführen, uns zur Beſſerung mahnen.


