Aufsatz 
Einhards Translatio SS. Marcellini et Petrie in kulturgeschichtlicher Beziehung
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Reſt des heiligen Tiburtius zu nehmen und zu behalten. Jetzt ließ ſich Ratleik, nachdem er die Reliquien des heiligen Petrus in einem ſeidenen Kiſſen gut verborgen hatte, den von Deusdona in Verwahrung genommenen Körper des heiligen Marcellinus ausliefern und teilte dem römiſchen Diakon ſeinen Entſchluß mit, nach Deutſchland zurückkehren zu wollen. In einem Schrein geborgen und verſiegelt, wurden die Reliquien St. Marcellins durch Hun und Luniſo, dem Bruder Deusdonas, ſchleunigſt nach Pavia gebracht, während Deusdona mit Ratleik noch ſieben Tage in Rom zurückblieb, um ſich darüber zu vergewiſſern, ob der Reliquiendiebſtahl unbemerkt geblieben ſei. Nachdem ſie dieſe Gewißheit erlangt hatten, reiſten beide nach und fanden ihre Genoſſen, wie verabredet, bei der Kirche Johannes des Täufers zu Pavia. Hier wollte man ſich einige Tage Raſt gönnen, da erſcholl das Gerücht, daß binnen kurzem eine Geſandtſchaft des Papſtes, die zum Kaiſer ging, Pavia paſſieren werde. Ein Zuſammentreffen mit dieſen Geſandten ſchien nicht erwünſcht, man fürchtete Entdeckung des Diebſtahls und beſchloß daher, ſich wieder zu trennen: Deusdona ſollte mit Hun nach Soiſſons vorauseilen, während Ratleik mit ſeinem Schatze in Pavia ſolange warten wollte, bis die päpſtlichen Geſandten die Alpen überſtiegen hätten. Dieſer Beſchluß wurde ausgeführt, freilich mit einer kleinen Änderung. Ratleik befürchtete nämlich irgend eine Tücke des verſchlagenen Hun, der ſo wenig Glück bei dem gemeinſamen Reliquiendiebſtahl gehabt hatte, und entſchloß ſich daher, nicht nach Soiſſons nachzureiſen und von da zu Einhard, der ſich am Niederrhein aufhielt, zu begeben, ſondern gerades Weges den Schatz nach ſeinem Beſtimmungsort Michelſtadt im Odenwald zu bringen. Durch einen Boten ſetzte er ſeinen Herrn von dieſer Änderung des Reiſeplanes in Kenntnis und überſtieg, nachdem die päpſtlichen Geſandten den gewünſchten Vorſprung hatten, die Alpen. Zu St. Moritz im Rhonethal legte er die Heiligengebeine in einen Sarg, und ließ ſie, nachdem alle Gefahr glücklich beſeitigt war, offen vor dem Volk, das ihm entgegenlief, weitertragen. Der Zug ging langſam vorwärts. Schon in Solothurn kamen ihm die Abgeſandten Einhards entgegen, die ſich ihm anſchloſſen. Als man Straßburg erreicht hatte, beſtieg man ein Schiff und fuhr den Rhein hinab bis zu einem Ort, der Portus genannt wird. Hier ſtieg man ans Land. Fünf Tage ſpäter befanden ſich die Reliquien St. Marcellins und St. Petrus in Michelſtadt.

Sobald die Nachricht hiervon zu Einhard gelangte, eilte dieſer von Gent dahin und begrüßte mit Freude illum magnum atque mirabilem omnique auro pretiosorem thesaurum. Sehr bald aber geſchahen Zeichen, durch welche die Heiligen ihren Wunſch immer beſtimmter zu erkennen gaben, daß ſie an einem anderen Orte ihre Ruheſtätte finden wollten. Als die Zeichen dringender mahnten, entſchloß ſich Einhard, die Reliquien von Michelſtadt im Odenwald nach ſeiner offenbar günſtiger gelegenen Beſitzung Obermühlheim am Main zu überführen. Es geſchah am 16. und 17. Januar(828). Nachdem dann noch Einhard für die Aufbewahrung und Bewachung des köſtlichen Schatzes die nötigſten Anordnungen getroffen hatte, begab er ſich, durch ein kaiſerliches Schreiben berufen, wieder nach Aachen, woim Monat Februar 828, wie die ſogenannten annales Einhardi berichten,ein Reichstag abgehalten wurde, auf welchem vielerlei Gegenſtände zur Sprache kamen.

Im zweiten Buch handelt unſer Verfaſſer faſt ausſchließlich von Dingen, die ſich während ſeines Aufenthalts am Hofe zu Aachen zutrugen. Schon unterwegs hatte Einhard von einem Gaſtfreunde erfahren, daß das Gerücht verbreitet ſei, Hilduins Abgeſandter Hun habe den größten Teil der Reliquien St. Mareellins und St. Peters aus den Schreinen entwendet und nach Soiſſons ins Medarduskloſter gebracht. Vom Erzkapellan Hilduin ſelbſt erfuhr nun Einhard zu Aachen, daß das Gerücht inſofern wahr ſei, als Hun auf der Reiſede quoque corpore portionem genommen und ſeinem Herren anfänglich als die Reliquien des heiligen Tiburtius übergeben, ſpäter jedoch die Wahrheit geſtanden habe. Bei der Unterſuchung, die Einhard mit dem eiligſt von Obermühlheim herbeigeholten Ratleik und Luniſo anſtellte, ergab ſich, daß in der Zeit, in der Deusdona die Reliquien des heiligen Marcellins im Hauſe verwahrte, Luniſo, von Hun beſtochen, einen Teil der Überreſte dieſes einen Heiligen geſtohlen und dem Presbyter Hilduins übergeben habe.