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Heiligen oder Märtyrer zu weihen, da erregte das Glück des befreundeten Hilduin in Einhard den Wunſch, für ſein neu erbautes Gotteshaus auch„aliquid de veris sanctorum reliquiis, qui Romae requiescunt. adipisci“(tr. 2). Dazu bot ſich nun gerade noch in demſelben Winter, in dem die Übertragung St. Sebaſtians erfolgt war, eine treffliche Gelegenheit. Wie dieſelbe benutzt wurde, wie Einhard in den Beſitz des ſehnlichſt begehrten Reliquienſchatzes kam und wie endlich nicht Michelſtadt, ſondern das kleine Maindorf Obermühlheim gewürdigt wurde, die Ruheſtatt der ſeligen Märtyrer zu werden— das alles erzählt uns Einhard in ſeiner Historia translationis beatorum Christi Martyrum Marcellini L Petri.
Die Schrift zerfällt nach der Einteilung des Verfaſſers(vergl. tr.§ 22, 59, 60, 90, 91) in vier Bücher, nach derjenigen, welche die Bollandiſten eingeführt haben, in zehn Kapitel mit vierundneunzig Paragraphen. Wir behalten bei der Inhaltsangabe, zu der wir nunmehr übergehen, Einhards Einteilung bei.
I. Buch. Am kaiſerlichen Hofe zu Aachen, an dem Einhard die Wintermonate zuzubringen pflegte, traf— offenbar in den erſten Monaten des Jahres 827— ein römiſcher Diakon namens Deusdona ein; er hatte die weite Reiſe höchſt wahrſcheinlich in Geſellſchaft der Leute Hilduins gemacht, welche die Reliquien des heiligen Sebaſtian nach Soiſſons gebracht hatten. Einhard lud den Fremden eines Tages zum Frühmahl zu ſich ein. Man kam dabei auf die übertragung der Gebeine des heiligen Sebaſtian und auf die ver⸗ nachläſſigten Heiligengräber in Rom zu ſprechen; in der Folge äußerte Einhard den Wunſch, für ſeine neu erbaute, aber noch nicht geweihte Kirche zu Michelſtadt gleichfalls wirkliche und wahrhaftige Reliquien aus Rom zu erwerben. Deusdona bedachte ſich anfangs; am nächſten Tage aber, als er wieder zu Einhard geladen war, übergab er dieſem ein Schriftſtück, in welchem zu leſen ſtand, daß Deusdona in ſeinem eigenen Hauſe zu Rom Heiligenreliquien verwahre und bereit ſei, ſolche Einhard zu überlaſſen, wenn dieſer ihm für die Rückreiſe nach Rom die nötige Hülfe leiſte und ihm einen Mauleſel abtrete. Einhard ging auf den Vorſchlag ein, verabfolgte das Gewünſchte und beauftragte ſeinen Schreiber Ratleik, den römiſchen Geiſtlichen zu begleiten, die Reliquien in Empfang zu nehmen und ſie nach Deutſchland zu überführen. Deusdona und Ratleik brachen auf, ihre Reiſe ging zunächſt nach Soiſſons. Hier erhielt Deusdona vom Abt Hilduin, dem er Hoffnung auf die Erwerbung der Reliquien des heiligen Tiburtius machte, in der Perſon des Presbyters Hun einen zweiten Reiſebegleiter, der den Körper des genannten Heiligen von Rom nach Soiſſons zu bringen hatte. Alle drei reiſten nunmehr ſo ſchnell als möglich nach Italien. In Rom angelangt, fanden die beiden Franken im Hauſe Deusdonas gaſtfreundliche Aufnahme, aber die gewünſchten Reliquien erhielten ſie nicht; denn Deusdona beſaß ſie überhaupt gar nicht. Der Römer machte allerlei Ausflüchte. Schließlich mieteten ſich Ratleik und Hun einen Führer und gingen ſelber auf die Suche nach Reliquien. Sie begaben ſich nach der vor der Stadt gelegenen Kirche des heiligen Tiburtius, unterſuchten das Grab dieſes Heiligen und fanden in der Krypta die Gräber des heiligen Mareellinus und des heiligen Petrus Exorciſta. Deusdona bekam von der Sache Wind und erbot ſich nun ſelbſt, ihnen zur Befriedigung ihrer Wünſche zu verhelfen. Nachdem man ſich durch dreitägiges Faſten vorbereitet hatte, ging man nachts ans Werk. Man gelangte glücklich in die Kirche, ohne daß ein Römer es gemerkt hatte. Als man ſich nun der Reſte des heiligen Tiburtius bemächtigten wollte, ſcheiterte das Unternehmen an der Schwere der marmornen Altarplatte, unter der der Körper des Heiligen ruhte. In der Krypta dagegen war man glücklicher. Hier wich der Stein, der die Reliquien bedeckte, man hob ihn von dem Grabe und ſtahl die Reſte St. Marcellins. Deusdona, dem man den Schatz in Verwahrung gab, wünſchte nunmehr, daß die Fremden, mit dieſem Reſultat zufrieden, ihre Heimreiſe antreten möchten. Ratleik indeſſen war anderer Meinung; er wollte auch noch den Körper des Petrus holen, der im Leben wie im Tode Genoſſe des Marcellinus geweſen war, und beredete Hun, der bisher leer ausgegangen, zu einem nochmaligen nächtlichen Beſuche der Kirche des heiligen Tiburtius. Ratleik ſtahl ohne Mühe die Reſte des zweiten Heiligen, Hun dagegen vermochte auch diesmal nicht die ſchwere Platte vom Altar des heiligen Tiburtius zu entfernen und ließ ſich ſchließlich von Ratleik überreden, etwas Aſchenſtaub, den letzterer im Grabe des heiligen Petrus gefunden, für einen


