Aufsatz 
Einhards Translatio SS. Marcellini et Petrie in kulturgeschichtlicher Beziehung
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Obermühlheim auf oder in den Trümmern eines römiſchen Caſtrums(der XlI. leg., 1819 und 1840 grub man ein römiſches Bad aus) ſtand, das wußte man damals noch ſehr wohl, wie Einhards Zuſatz zu dem Namen Mulinheim superiorsic enim moderno tempore locus ille vocatur deutlich beweiſt.

In den Ruinen jenes verlaſſenen und verfallenen Römerkaſtells am Main hatten ſich zu der Zeit, als Einhard den Ort zum Geſchenk erhielt, neunzehn Familien freier Grundeigentümer und dreizehn Familien Leibeigener ihre Wohnungen erbaut, aus denen nunmehr das deutſche Dorf Obermühlheim beſtand. Das kleine Dorf, das allerdings damals ſchon eine ſteinerne Kirche beſaß, ſollte kaum anderthalb Jahrzehnte darnach, als es in Einhards Beſitz übergegangen war, ein angeſehener und vielbeſuchter Ort werden, und gerade ſechszig Jahre ſpäter war Obermühlheim ſchon ſo bedeutend, daß König Ludwig der Deutſche hierſelbſt eine Fürſtenverſammlung abhalten konnte(875). Die veränderte Bedeutung des Ortes hatte inzwiſchen aber auch zu einer Änderung ſeines Namens geführt. Obermühlheim hieß im Jahre 875 nicht mehr Obermühlheim, ſondern Seligenſtadt von den Seligen oder Heiligen, die den merkwürdigen Aufſchwung des Ortes in ſo kurzer Zeit bewirkt hatten. Es waren der heilige Marcellinus und der heilige Petrus oder vielmehr der Beſitz ihrer ſterblichen Überreſte, welchem das Dorf Obermühlheim ſein Glück verdankte. Beide Heilige hatten, ſo wird erzählt, der eine als Presbyter, der andere als Exorciſt im vierten Jahrhundert für den Chriſtenglauben den Märtyrertod zu Rom erlitten, woſelbſt ihre Gebeine in der Krypta der Kirche des heiligen Tiburtius beſtattet waren. Welchen Wert der Beſitz ſolcher Heiligenreſte in den Augen der damaligen Welt beſaß, zeigt allein der Umſtand, daß ſchon zu Einhards Zeiten hier und da ſich die Spekulation der Sache bemächtigte. So kennen wir aus dem Jahre 836 einen verſchlagenen italieniſchen Reliquienhändler namens Felix, der die Länder durchſtreifte undSanctorum reliquias ſtahl, wo er nur konnte,quaestus causa.*¹) Was aber den Beſitz von Reliquien ſo wertvoll machte, das waren die Wunder, die die Heiligen durch dieſelben an denjenigen Stätten wirkten, wo ihre Gebeine beſtattet waren, und der dadurch hervorgerufene Zudrang der frommen Menge von nah und fern. Wenige Monate vor der Zeit, von der wir zu reden beginnen, war Einhards Freund, der mächtige Abt Hilduin von St. Denis ſo glücklich geweſen, in den Beſitz von ſolchen wertvollen Heiligenreſten zu gelangen. Die ſogenannten annales Einhardi berichten darüber folgendermaßen und wir ſetzen die für unſeren Aufſatz nicht unwichtige wie für das Denken der damaligen Zeit ſehr charakteriſtiſche Stelle in der Abelſchen Üüberſetzung vollſtändig hierher:

Hildoin, der Abt vom Kloſter des heiligen Märtyrers Dioniſius, ſchickte nach Rom und erhielt auf ſeine inſtändigen Bitten von Eugenius, der damals auf dem heiligen apoſtoliſchen Stuhle ſaß, die Gebeine des heiligen Märtyrers Sebaſtian. Er ſetzte ſie in der Kirche des heiligen Medardus zu Sueſſona(Soiſſons) bei, wo nun, ſo lange ſie noch unbeſtattet neben dem Grabe des heiligen Medardus lagen, ſo zahlreiche Zeichen und Wunder geſchahen und ſich durch Gottes Gnade im Namen des heiligen Märtyrers eine ſolche Fülle von heilſamen Wunderkräften in jeder Art thätig erwies, daß von keinem Sterblichen dieſe Wunder in ihrer Menge erfaßt oder in ihrer Mannigfaltigkeit mit Worten dargelegt werden können; einige von ihnen ſind ſo erſtaunlich, daß ſie über den ſchwachen menſchlichen Glauben hinausgehen würden, wenn es nicht gewiß wäre, daß unſer Herr Jeſus Chriſtus, für welchen ja der heilige Märtyrer ſein Leiden auf ſich nahm, alles, was er will, thun kann vermöge der göttlichen Allmacht, in der ihm alle Kreatur im Himmel und auf Erden unterthan iſt.

Rom beſaß einen faſt unerſchöpflichen Vorrat von bisher unbeachtet gebliebenen Märtyrer⸗ und Heiligen⸗ gebeinen. Hierher mußte man ſich vor allen Dingen wenden, wenn man ſo köſtlichen Beſitz zu erlangen wünſchte. In ſeiner Odenwälder Beſitzung Michelſtadt hatte, wie wir bereits wiſſen, Einhard ſich nicht bloß Wohnhänſer, ſondern noch eine Baſilika erbaut. Als es ſich nun darum handelte, die vollendete Kirche einem

¹) Liutolfus de S. Severo in: Jaffé, bibl. rer. germ. III. 514.