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Ungeheuere Waldungen bedeckten noch einen großen Teil des deutſchen Bodens, ihre Reſte ſind heute faſt noch allenthalben vorhanden. Links vom Rhein breiteten ſich Urwälder aus auf den Ardennen, der Eifel, dem Hunsrück, dem Donnersberg und den Vogeſen. Gerade in dieſen Forſten lag Kaiſer Ludwig mit Vorliebe dem Weidwerk ob, dem er leidenſchaftlich anhing. Von ſeinen Pfalzen zu Nimwegen, Aachen, Kreuznach, Ingelheim und Remiremont zog er faſt Jahr für Jahr, beſonders im Herbſt, in einen der nahe gelegenen Urwälder, in denen außer wilden Ebern, Hirſchen und Bären auch Büffel und Auerochſen hauſten. Rechts vom Mittelrhein lagen die Pfalzen Salz und Frankfurt am Ausgang des wildreichen, damals noch mit herrlichen Eichen beſtandenen Speſſarts reſp. des Königsforſtes Dreieich, an den ſich im Süden der umfang⸗ reiche Odenwald anſchloß. In dieſen Waldrevieren waren die Anſiedlungen der Menſchen zu Ludwigs des Frommen Zeiten noch gar ſpärlich. Einen„locum secretum atque a populari frequentia valde remotum“ nennt(transl. 2) Ludwigs Zeitgenoſſe Einhard den Ort Michilinſtadt im Odenwald(heute Michelſtadt, 3200 Einwohner), den er vom Kaiſer nebſt dem königlichen Hofgute Obermulinheim am Main(heute Seligenſtadt, 3600 Einwohner) am 11. Januar 815 zum Geſchenk erhalten hatte. Seit der Zeit zog Einhard den Aufenthalt auf dem abgelegenen Odenwaldsdorfe dem geräuſchvollen Leben am Hofe vor. Er baute hier für ſich, ſeine Gemahlin und ſein Gefolge„domus et habitacula ad manendum“(tr. 2) und fügte bald auch eine Kirche hinzu. In der nahen fruchtbaren Rheinebene von Mainz bis Speier ſah es freilich anders aus als in dem erwähnten Waldgebirge. Da wohnten die Menſchen dicht bei einander, da war der Boden wohl angebaut und mit zahlreichen Dörfern und Höfen bedeckt. Von den vierzig Ortſchaften, aus denen der in dieſer Ebene gelegene heſſiſche Kreis Oppenheim gebildet wird, beſtanden nachweislich damals ſchon nicht weniger als dreißig, und von den fünfzig des benachbarten Kreiſes Alzei mehr als achtundzwanzig. Nachdem ſich nämlich die Wogen der Völkerwanderung gelegt hatten, waren beſonders im ſechſten und ſiebenten Jahrhundert zahlreiche neue Dörfer und Höfe gegründet worden, um für die wachſende Volksmenge Unterhalt zu gewinnen. Von den Flußthälern aus war die Kultur und der Anbau bis ans Gebirge vor⸗ gerückt, die Rodungen dehnten ſich aus und der Wald wich zurück.¹) In ähnlicher Weiſe ſtark bevölkert war die Wetterau und die nördliche Umgebung von Frankfurt, der Niddagau, überhaupt allerwärts die Thäler der Flüſſe und ihre fruchtbaren Niederungen. Städte freilich gab es diesſeits des Rheines nicht und jenſeits nicht viele. Lüttich(jetzt 120 000 Einwohner zählend), Aachen(jetzt 90000 Einwohner), Valenciennes, Maastricht(jetzt 30 000 Einwohner) nennt Einhard in der translatio Dorfſchaften(cf. 43. 63. 68. 81.), wenn er auch bezüglich des letztgenannten vicus hinzufügt, daß er„habitantium et praecipue negotiatorum frequentissimus“ ſei. Am Rhein, d. h. am linken Ufer dieſes Stromes, gab es damals allerdings eine Anzahl Städte: civitas Moguntiaca(Mainz), Colonia metropolis(Köln) und Argentoratum, „das jetzt,“ wie Einhard hinzufügt,„Strasburg heißt.“ Dieſer Zuſatz zeigt uns, daß man ſich wohl bewußt war, aus welcher Zeit dieſe Städte ſtammten. Es waren alte Römerſtädte, durch die Völkerwanderung in Trümmer geſunken, dann von deutſchen Eroberern wieder beſiedelt und eben im Begriff, ſich zu neuem Anſehen und neuem Wohlſtand zu erheben. Im weſtlichen Teile des Frankenreichs, im heutigen Frankreich, waren die Städte in größerer Zahl zu finden als am Rhein. Da blühten Tours, Orleans, Paris, Soiſſons; ſie hatten ihre alte römiſche Stadtordnung und kräftiges ſtädtiſches Leben bewahrt. In den weſtlichen Landſchaften war aber auch durch die vorrückenden Deutſchen keine derartige Zerſtörung der römiſchen Anſiedlungen eingetreten wie in den Rheingegenden, wenngleich auch hier viele Trümmer und Reſte römiſcher Anlagen noch zu Einhards Zeiten eindringlich an die früheren Herren und Bewohner mahnten. IUülich nennt die translatio ein antiquum municipium, Wiesbaden ein castrum, quod moderno tempore Wisibada vocatur— offenbar waren damals noch ganz andere Befeſtigungsreſte aus der Römerzeit erhalten, als wir heute in der„Heidenmauer“ mitten in der Stadt erblicken— und daß Einhards Dorf
¹) Arnold, Anſiedl. u. Wand. I. 243.


