Einhards Translatio SS. Marcellini et Petri in kulturgeſchichtlicher Beziehung.
Zwein) Werke hat uns Einhard, der berühmte Biograph Karls des Großen, hinterlaſſen: das eine— von hervorragender Bedeutung für die allgemeine Geſchichte— iſt die vita Caroli, die Lebensbeſchreibung des großen Kaiſers, das andere— dem Umfange nach größere— führt insgemein den Titel historia translationis beatorum Christi Martyrum Marcellini et Petri, iſt alſo ein Bericht über die Übertragung der Reliquien zweier Märtyrer. Bezüglich des Wertes der letzteren Schrift äußert ſich W. Wattenbach in ſeinen„Geſchichtsquellen Deutſchlands im Mittelalter“ 3. Auflage I. 154 f. folgendermaßen:„Aus den genauen Beſchreibungen der Reiſe, wie aus den Erzählungen von den Wundern iſt zugleich vieles für die Sittengeſchichte wie für die Topographie nicht unwichtige zu entnehmen und daher vermiſſen wir auch dieſe anmuthige Erzählung Einhards ungern in den Monumenten.“ Vorſtehende Worte Wattenbachs beſtimmten mich, den Inhalt der genannten Schrift unter Hinzuziehung der uns erhaltenen Briefe Einhards in kultur⸗ geſchichtlicher Beziehung zu prüfen. Das Ergebnis iſt teilweiſe in nachſtehender Abhandlung niedergelegt.
Die translatio SS. Marcellini et Petri iſt zuerſt herausgegeben worden von Surius in ſeinen Probatae Sanctorum vitae, ſodann von den Bollandiſten in den Acta Sanctorum, Juni I, 181—206(Venedig 1741) und zuletzt von A. Teulet in ſeiner Ausgabe der opera Einhardi II, 175— 377(Paris 1843). Weil nicht jedem leicht zugänglich, iſt die in der That ſehr intereſſante Schrift inhaltlich wenig bekannt. Es empfiehlt ſich daher, eine Inhaltsangabe derſelben unſerer Unterſuchung vorauszuſchicken; denn was W. Gieſebrecht in ſeinem Aufſatz„die fränkiſchen Königsannalen und ihr Urſprung“ in dem Münchener Jahrbuch für 1865 von dem Inhalt angegeben hat, iſt nur das chronologiſch Wichtige aus den beiden erſten Büchern der translatio. Da es ſich bei unſerer Unterſuchung ausſchließlich um Kulturgeſchichte handelt, ſo dürfte es indeſſen angezeigt ſein, zu allernächſt erſt einen Blick auf den Schauplatz zu werfen, auf dem ſich die in der translatio erzählten kleinen Begebenheiten abſpielten und zwar abſpielten in der Zeit von Frühjahr 8272²) bis Auguſt 830. Damals bildeten das öſtliche Spanien, Frankreich, Holland, Belgien, Deutſchland bis zur Elbe und dem Böhmerwald, die Schweiz, Ober⸗ und Mittelitalien ein einziges großes Reich, das fränkiſche, unter dem ſchwachen Scepter Kaiſer Ludwigs des Frommen.
¹) Dem Glauben an die Autorſchaft Einhards bezüglich der ſogenannten Annales Einhardi iſt durch v. Sybels Abhandlung (Kleine hiſtoriſche Schriften III, 1—64) doch wohl der Todesſtoß verſetzt worden.
²) Obwohl ſich mir bei nochnialiger genauer Prüfung der Zeitfrage einige neue, nicht unwichtige Momente ergaben, die für 826 ſprechen, ſo habe ich mich doch nach dem Vorgang Gieſebrechts, dem auch Simſon gefolgt iſt, ganz und gar für das Jahr 827 als das Jahr der übertragung entſcheiden müſſen. Es fehlt hier an Raum, meine Entſcheidung näher zu begründen.


