— 21—
L. Dieser kurze Passus von dem zürnend und unthätig abseits verharrenden Achilleus sollte nur dazu dienen, die durch die Chrysascene unterbrochene Handlung wieder aufzu- nehmen. Diese wenigen Verse leiten uns jetzt hinüber zur Darstellung dessen, was im Olymp geschieht. Erzählen!(Geschieht). Auch hier hat der Lehrer wieder Gelegenheit auf die Plastik der Darstellung aufmerksam zu machen. Denken wir nur an die Zeichnung der hilfeflehend vor Zeus knieenden Thetis, denken wir ferner an die Art und Weise, wie der
46 4 4„.... Göttervater„winkte Gewährung ihr zu mit den dunkeln Brauen.
Vorwärts wallte das göttliche Haar des mächtigen Herrschers Von dem unsterblichen Haupt: es erbebten die Höhn des Olympus.*
Auf diese Worte ist auch in der Vorbesprechung schon hingezeigt worden.
Hiermit schliesst für uns der erste Gesang. In ihm erblicken wir eine musterhafte Einleitung für die ganze Dichtung. Wir sind nun in den Stand gesetzt, der weiteren Dar- stellung mit Verständnis zu folgen. Die Persönlichkeiten, denen der Dichter eine besondere Aufgabe in der Dichtung zugedacht hat, sind entweder schon eingehender gezeichnet, wie dies von Achill und Agamemnon zu sagen ist, oder sie sind doch schon in der einen oder anderen Weise hervorgetreten, wie Nestor, Odysseus, auch Patroklos, oder doch wenigstens angedeutet, wie z. B. Hektor. Und auch auf dem doppelten Schauplatz der Begebenheiten sind wir bereits einigermassen heimisch geworden: wir finden uns schon vorläufig zurecht in dem Lager der Griechen, überhaupt in der Umgegend von Troja, wir sind auch geführt worden in den Himmel(Olymp), wo die Gottheiten mit der grössten Teilnahme die Ge- schicke der irdischen Menschen verfolgen und in dieselben einzugreifen suchen; wo als oberster Herr der Götter und Menschen Zeus waltet, der, wie er der Thetis verheissen hat, die fernere Gestaltung und Entwickelung der Dinge selbst in die Hand nehmen wird. Er wird diese Entwickelung leiten nach dem Wunsche und zu Gunsten des Achilleus, für den er, der oberste Gott, Partei genommen hat, auf dessen Seite auch der Dichter steht, und mit ihm wir.
So ungefähr, wie wir es im Vorhergehenden bald in ausführlicherer Darstellung, bald nur durch kurze Andeutungen und Fingerzeige, dargelegt haben, denken wir uns die Behand- lung des ersten Gesangs(nach der Kern'’schen Ausgabe) in der Klasse. Ist der ganze Ge- sang besprochen, so wird es sich empfehlen, im Anschluss etwa an die früher festgestellten Überschriften nochmals von einem oder mehreren Schülern den hauptsächlichen Inhalt angeben zu lassen. Sodann wird es gut sein, wenn wir unter verschiedenen Gesichtspunkten einen Rückblick auf das thun, was wir im Unterrichte bis jetzt erarbeitet haben. So wird man, um nur einige Beispiele anzuführen, die Hauptzüge im Charakter des Achill und des Agamem- non, wie sie uns die Besprechung hat erkennen lassen, nochmals zusammenstellen lassen. Man wird ferner fragen nach ähnlichen Situationen innerhalb des Gesangs— der bittend vor Agamemnon stehende Priester, die bittend vor Zeus knieende Thetis—, sowie nach Gegen- sätzen— Chryses schnöde abgewiesen, Thetis erhört, wenn auch nicht unverzüglich; Achill, der vor allem Volke mit Agamemnon in gerechter Entrüstung streitende, und Achill, der am einsamen Gestade weinende; Agamemnon, der von Chryses unter Thränen angeffehte herrsch- gewaltige Gebieter in fast unnahbarer Majestät, und Agamemnon, von Achill in seiner unkönig- lichen Gesinnung und Handlungsweise gekennzeichnet, vor dem ganzen Volke beschämt und gebrandmarkt, u. dgl. m. Auch ist es eine empfehlenswerte UÜbung, die ich nicht selten habe anstellen lassen, die verschiedenen charakteristischen Attribute eines und desselben Gegen- standes aufzufinden und zusammenzustellen. So wird das Schiff im ersten Gesange genannt hurtig, hohl, schwärzlich, dunkel, gebogen, schwebend, meerdurchwallend. Jede von diesen Bezeichnungen dient dazu, die Lebendigkeit der Sprache und die Schönheit des Ausdrucks zu erhöhen und uns zugleich das Schiff viel anschaulicher vor die Augen treten zu lassen, somit unsre Phantasie in viel stärkerem Grade zu erregen und zu leiten, als es ohne Hinzu- fügung eines derartigen Attributes geschehen würde. Was Fr. Kern in seinem Buche„Lehr- stoff für den deutschen Unterricht in Prima“(Berlin, Nicolaische Buchh. 1886) S. 39 u. 40 über das Epitheton ornans sagt, kann der Lehrer schon hier, in Obertertia, aufs beste ver- werten, wenn er es einigermassen der Fassungskraft dieser Stufe anzupassen versteht.
Rückblick (Ver- wertung).


