— 20—
schen.— Gebet nun den Inhalt der Worte an, die Achill zu seiner Mutter spricht.(Ge- schieht.) Desgleichen die Antwort der Mutter.(Geschieht.) Ehe wir weiter gehen, noch eins. Wer unter euch findet sowohl in den Worten, die Achill an die noch abwesende Mutter richtet, als auch später in den Worten der Mutter je eine Stelle, die uns ganz besonders ergreift? S. v. 314(K; 352 V.), gleich zu Anfang seines Gebetes sagt Achill, nur für wenige Tage habe die Mutter ihn geboren, und v. 344 ff.(K; 414 ff. V.) hören wir die Mutter sagen:
Weh mir! Was musst' ich, o Kind, dich erziehn, ich ärmste der Mütter!
Möchtest du hier bei den Schiffen doch frei von Thränen und Kränkung
Sitzen, dieweil dein Leben so kurz nur währet, so gar kurz!
Ach, zugleich frühwelkend und unglückselig vor allen
Wurdest du! Ja dich gebar ich zum Jammergeschick im Palaste!
L. Was hat es denn mit diesen Worten für eine nähere Bewandtnis? S. Achill hatte sich sein Los selbst gewählt; es war ihm nämlich freigestellt worden, zwischen zwei Dingen zu wählen: entweder konnte er ein hohes Alter erreichen, dann aber wäre sein Leben ein ruhmloses gewesen, oder sein Dasein sollte ein ruhmverklärtes sein, alsdann aber musste er in jugendlichem Alter sterben. Er hatte sich für letzteres entschieden. L. Seht, das ist das Tragische in der Erscheinung des Achilleus. Tragisch ist das, was zugleich traurig und er- hebend ist. ¹1) Dies merkt euch ein für allemal. Setzet mir nun auseinander, was in Achills Erscheinung das Traurige, was das Erhebende ist. S. Traurig ist es, dass der herrliche Held so früh enden und dabei noch im Leben so herbes Missgeschick erfahren sollte, erhebend, dass er lieber nach einem kurzen, aber thatenreichen Leben, mit Ruhm und Ehre bedeckt, ins Grab sinken, als in ruhmloser Unthätigkeit ein langes Leben fristen sollte, und dass er selbst dies so gewollt hatte.— L. Die Mutter hat, wie wir hörten; dem Sohne zugesagt, dass sie nach der Rückkehr des Zeus aus dem Athiopenlande emporsteigen wolle zum Olymp, um den Vater der Götter und Menschen dem Wunsche des Achilleus gemäss zu bitten
—————„den Troern Schutz zu gewähren, Aber zurückzudrängen zum Lager und Meer die Achäer“,
damit letztere erkennen, was sie an ihrem Herrn und Gebieter Agamemnon haben, und damit dieser selbst zur Erkenntnis der schweren Beleidigung komme, die er dem Besten der Daner zugefügt habe. Seinem Schmerze hingegeben, bleibt Achill allein am Gestade zurück. Scheiden wir nun vor der Hand von ihm und sehen wir zu, was inzwischen auf einem anderen Schau- platze geschieht.
7) Erzählt, was ich da soeben andeutete.(Dies geschieht. Bei der Darstellung der Vorgänge in Chrysa braucht man nicht lange zu verweilen; es genügt, sie einfach in wenigen Worten erzählen zu lassen; auf die hier vorkommenden Opfergebräuche muss schon die Vor- besprechung hingewiesen haben.)
8) Es folgt der letzte Abschnitt(in unsrer Ausgabe). Wie nimmt der Dichter die durch Abschnitt 7 unterbrochene Erzählung wieder auf? S. Wieder führt er uns den zürnenden Achill vor, wir erblicken ihn also in derselben Gemütsverfassung, wie wir ihn verlassen haben. Er hat sich von seinen Landsleuten zurückgezogen und verharrt im Grolle, ohne sich noch je an Ratsversammlungen oder Kämpfen beteiligen zu wollen. L. In welchen Worten sagt der Dichter, dass es einer so gearteten Natur schwer werden musste, so unthätig zu bleiben? S. In den Worten:
„Doch Gram zernagte das Herz ihm, Dass er blieb; er verlangte nur Feldgeschrei und Getümmel.“
¹) Diese Begriffsbestimmung des Tragischen, von O. Jäger in seinem bekannten Buche„Aus der Praxis. Ein pädagogisches Testament“ als für Tertianer vollständig ausreichend bezeichnet, wird von Fr. Kern in seiner Einleitung zum Iliasauszug als für jeden ausreichend erklärt. Für die hier in Betracht kommen- den Schüler dürfte sie in der That vollauf genügen.


