Aufsatz 
Die Ilias im deutschen Unterrichte der Realanstalten / von Joseph Mathi
Entstehung
Einzelbild herunterladen

19

das unter des Odysseus Leitung die Fahrt nach Chrysa antreten soll, und zugleich werden am Meeresufer Reinigungen vorgenommen und Opfer dargebracht. Wahrend man noch mit diesen beschäftigt ist, sendet Agamemnon zwei seiner Diener, Talthybios und Eurybates, nach dem Zelte des Achill mit dem Auftrage, die Bryséis zu holen; gebe Achill sie nicht gut- willig her, so sollten sie ihm drohen, dass ermit mehreren kommend selber sie holen werde. L. Entspricht wohl eine solche Art des Vorgehens der Würde eines Oberkönigs? S. Keineswegs; sein Benehmen ist durchaus verwerflich. L. Es hat also ein Homerkenner ¹) recht, wenn er sagt, dass der der Verblendung verfallene König durch die unkönigliche Form des Auftrags an die Herolde sich völlig der Würde entäussert. Was wird jeder von euch jezt noch zu wissen verlangen? Man möchte gern erfahren, wie sich Achill den zu ihm ge- sandten Herolden gegenüber verhält. L. Erzähle kurz, was du hierüber weisst.(Geschieht.) L. fährt fort: Was werdet ihr über das Verhalten Achills urteilen? S. Achill zeigt sich auch hier wieder als eine durch und durch grossmütige Natur, indem er den Herolden ihre un- angenehme Aufgabe leichter macht, sie in zuvorkommender Weise begrüsst und ihnen ver- sichert, dass er ihnen das nicht übelnehme, woran sie unschuldig seien. L. Den Dienern be- gegnete Achill also auf das edelmütigste. Wird er auch seinen Zorn gegen Agamemnon bemeistern? S. Nein, das wäre nach dem Vorgefallenen wohl zuviel verlangt. L. Was wirft er diesem jetzt wiederum vor, wie auch fruher schon in der Versammlung? S. Unselige Verblendung. Mit Rücksicht darauf, dass Agamemnon ihn, den Peliden, geradezu genötigt habe sich fortan seinem Volke zu entziehen, ruft Achill aus:

Ha, wahrlich, er tobt in verderblichem Wahnsinn,

Blind im Geiste zugleich vorwärts zu schauen und rückwärts,

Wie bei den Schiffen er sichre das streitende Heer der Achäer. (K. 304 306. V. 342 344.)

6) L. Briséis ist also an Agamemnon ausgeliefert. Gross ist des Achilleus Schmerz über die Trennung von der Geliebten, der er hat entsagen müssen und die ebenfalls die Trennung schmerzlich empfindet, grösser aber noch der Schmerz und der Grimm über die ihm durch Agamemnon widerfahrene Kränkung und Beschimpfung. Wohin begiebt er sich jetzt? S. Weinend geht er, von den Freunden sich sondernd, an das einsame Gestade des Meeres. L. So ist es. Wenn der Mensch mit seinem Schmerze allein sein will, so zieht er sich aus dem geräuschvollen Getriebe, das ihn sonst zu umwogen pflegt, zurück und weint seinen Schmerz in der Einsamkeit aus. Später, in Untersekunda, werdet ihr Goethes epische DichtungHermann und Dorothea kennen lernen; dort wird euch eine Situation vor Augen treten, die euch an die vorliegende Situation erinnern wird; denkt dann an das, was Ahr soeben hörtet. Es fragt sich nun, ob Achill längere Zeit allein bleiben wird. S. Nein; bald wendet er sich in innigem Gebete an seine göttliche Mutter Thetis und klagt derselben über die ihm widerfahrene Entehrung; er klagt ferner darüber, dass Zeus ihm, dem nur für wenige Tage Geborenen, so ganz und gar jegliche Ehre versage, statt ihn zu ehren, wie sich's gebühre. Kaum hat die Mutter seine kigenden Worte vernommen, da steigt sie herauf aus der Flut und gesellt sich zu dem Sohne. L. Ein ergreifendes, rührendes Bild! Der Sohn thränenbenetzt, gramgebeugt, kummerbeladen, ihm zur Seite die Mutter, in mütterlicher Liebe und Zärtlichkeit ihn mit der Hand streichelnd, an seinem Kummer den innigsten Anteil nehmend, ihn ermunternd ihr doch alles zu sagen, was sein Herz bedrückt; sie will alles von ihm hören, denn sie weiss es nur zu gut, dass es den von schwerem Kummer Belasteten leichter wird, wenn sie anderen, insbesondere einer liebenden Mutter, ihr Herz ausschütten dürfen. Auch hier wieder eine echt plastische Scene. Auch dieser er- innert euch wiederum, wenn ihr späterHermann und Dorothea leset; auch dort werdet ihr unter ähnlichen Umständen Mutter und Sohn an einsamer Stätte zusammensitzen

¹) Ed. Kammer, Ein ästhetischer Kommentar zu Homers Ilias, Paderborn, Schöningh, 1889. Dieses Werk kann ich den Fachgenossen nicht genug empfehlen. Es hat mir bei der Vorbereitung zu meinem Unter- richte stets die besten Dienste geleistet.