Aufsatz 
Die Ilias im deutschen Unterrichte der Realanstalten / von Joseph Mathi
Entstehung
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von allen Kriegsthaten zufällt, im Griechenheere thätig zu sein. Hielt sich aber Achill vom Kampfe fern, so musste die Lage der Griechen sich zur denkbar traurigsten gestal- ten. Das musste Agamemnon sich schon von vornherein sagen. Es hätte ihm also alles darauf ankommen müssen, jetzt einzulenken und den Achill zu besänftigen. Aber in seiner unseligen Verblendung thut er gerade das Gegenteil, indem er sagt, er werde sich die lieb- liche Briséis selbst aus Achills Zelt holen, damit dieser begreifen lerne, dass er, der Ober- könig, ihm an Stellung und Würde um vieles überlegen sei, und damit nie ein andrer in Zukunft sich vermesse, ihm, dem Oberkönig, sich gleich zu wähnen. L. Wir sehen also, dass bei Agamemnon zu der Habsucht, Unverschämtheit und Verblendung noch ein eitles, selbstgefälliges Pochen auf seine Machtstellung tritt. Hinsichtlich des Achill erübrigt es noch, auf einen Zug aufmerksam zu machen, den wir ja nicht übersehen wollen. Was für ein Zug ist dies wohl? S. Es ist seine Gottesfurcht, die sich darin zeigt, dass er, obwohl aufs höchste gereizt, doch sofort den Worten der Göttin gehorcht. L. Prägt euch die letzten Worte gut ein, die er an die Göttin richtet:Wer dem Gebote der Götter gehorcht, den hören sie wieder. Wenn ihr später einmal Ovid leset, dann werdet ihr ähnliche Worte vernehmen; sie heissen:Cura pii dis sunt, et qui coluere, coluntur.(Ubersetzung! Bei Schülern latein- loser Realschulen fallen derartige Citate natürlich weg.)

Wir wollen fortfahren. Ihr werdet euch erinnern, dass wir die Gesamtvorgänge in der Versammlung in 3 grössere Abschnitte gliederten, wovon der letzte(c) lautete? S. Der Streit findet seinen vorläufigen Abschluss; die Versammlung löst sich auf. L. Diesen Abschnitt wollen wir uns jetzt noch kurz ansehen. Sprecht euch in wenigen Worten über den Inhalt aus. S. Nestor erhebt sich. Er sucht Frieden zu stiften, indem er darauf aufmerksam macht, dass nur den Feinden ein Gefallen geschieht, wenn die beiden ersten aus dem Griechenheere so miteinander streiten. Alsdann sucht er beide zum Nachgeben zu bewegen. L. Wie ver- hält sich Agamemnon diesen Worten des Nestor gegenüber? S. Wie es so ganz zu seiner rechthaberischen Natur passt, glaubte er wohl aus den Worten Nestors heraushören zu dürfen, dass dieser auf seiner Seite stehe. Darum zollte er dessen Worten seinen Beifall. L. Wie verhält sich Achill? S. Auch er ist ruhiger geworden, seine Sprache scheint gemässigter; doch gegen Ende nimmt sie an Schärfe wieder zu und wird immer entschiedener; so erklärt er, dass, falls Agamemnon die Briséis sich holen wollte und falls die Griechen dies zuliessen, er sich nicht widersetzen werde; er werde es vielmehr zulassen, dass diejenigen, die ihm das Ehrengeschenk gegeben hätten, es auch wieder nähmen; um Briséis werde er keine Hand rühren, aber Agamemnon solle sich, wenn ihm sein Leben lieb sei, ja nicht erkühnen, auch nur einen Schritt weiterzugehen. L. So hat sich Achill also der Oberhoheit des zwar an sitt- lichem Werte tief unter ihm stehenden, an Machtstellung aber überlegenen Gegners in dem einen Punkte gefügt, doch klar und bestimmt hat er die Grenzen bezeichnet, über die hinaus der letztere nicht gehen dürfe. Wenn in jenem Punkte Achilleus sich fügte, so ist dies ein Be- weis dafür, dass er sich unterzuordnen versteht in Dingen, die anzuordnen der Oberbefehls- haber unter Zulassung des Heervolkes befugt ist, also ein Beweis seines gesetzlichen Sinnes. Hiernach fand die Versammlung von selbst ihr Ende, indem beide Gegner aufstanden und sich zum Gehen wandten. Wir ahnen, dass jetzt, da Achilleus sich grollend zu seinen Gezelten zurückgezogen hat und seinen Landsleuten seinen mächtigen Beistand versagen will, in der nächsten Zeit der Kämpfe zwischen Griechen und Troern die letzteren immer mehr die Ober- hand gewinnen werden, dass jetzt die Zeit anbrechen wird, da Hektor Triumphe feiern soll. Mit der grössten Spannung sehen wir diesen späteren Kämpfen entgegen. Doch vorerst bleiben noch einige andere Fragen zu erledigen.

5) L. Welches wird die nächste Frage sein, die sich uns aufdrängt? S. Diese Frage lautet wohl dahin: Was wird Agamemnon jetzt thun? L. Worauf muss dieser einerseits be- dacht sein, und wonach fragen wir uns andrerseits? S. Einerseits muss er darauf bedacht sein, die Chryséis ihrem Vater zurückzusenden, andrerseits fragen wir uns, ob er seine Drohung, dem Achilleus die Briséis wegzunehmen, wirklich ausführen wird. L. Nun, wie steht es hiermit? S. Beides geschieht. Um ersteres auszuführen, wird ein Schiff ausgerüstet,