Aufsatz 
Die Ilias im deutschen Unterrichte der Realanstalten / von Joseph Mathi
Entstehung
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Wir gehen über zu Abschnitt b. Zunächst wollen wir zusehen, ob wir diesen etwas langen Abschnitt nicht in mehrere kleinere Abschnitte zerlegen können. Nachdem in dieser Beziehung mehrfache Vorschläge gemacht worden sind, überblicken wir b in folgender Weise:

aa) Der Streit zwischen Achilleus und Agamemnon, in Abschnitt a vorbereitet, nimmt an Heftigkeit immer mehr zu; er erreicht schliesslich, nachdem Agamemnon immer deutlicher erklärt hat, er werde sich zum Ersatz für Chrysöis die Briséis nehmen, welche dem Achill als Ehrengeschenk zugeteilt worden war, damit seinen Höhepunkt, dass Achill schon das Schwert zieht, um Agamemnon mit demselben zu durchbohren.

bb) Die Göttin Athene, von Hera gesandt, erscheint, nur dem Achill sichtbar, um die Ausführung seines Vorhabens zu verhindern.

ce) Achill hört auf die Mahnungen der Göttin; so enthält er sich zwar des thät- lichen Angriffs auf den Oberkönig, aber in schmähenden Worten sagt er alles, was er auf dem Herzen hat, wobei der Oberkönig sehr schlecht wegkommt. Schliesslich erklärt er, er werde sich fortan vom Kampfe fernhalten und keine Hand mehr rühren; dann soll Agamemnon es wohl bereuen, dass er ihn, den besten der Achäer, nicht gebührend geehrt habe. Darauf wirft er das Scepter zur Erde und setzt sich nieder.

dd) Es ist eine unbehagliche, ungemütliche Situation; das empfindet ein jeder in der Versammlung. In finstrem Grolle sitzt Achill da, wutschnaubend steht ihm gegen- über Agamemnon; es ist, als ob er vergeblich nach Worten suche, in denen er jenem gebührend erwidern könnte.

Bleiben wir hier stehen. Auch hier werdet ihr wieder bestätigt finden, was wir oben von der plastischen Begabung unsres Dichters sagten. Wir wollen nun die beiden Persön- lichkeiten, die in dieser von uns in 4 Abschnitte geteilten Scene so entschieden vor den an- dern hervortreten, etwas näher ins Auge fassen. Sprich dich näher über dieselben aus. S. Agamemnon hat durch seinen Anspruch auf Ersatz für die zurückzugebende Chrysis ein andres Ehrengeschenk verlangt, hiermit hat er bewiesen, dass er selbstsüchtig und eines Opfers nicht fähig ist. Es ist also unedle Habsucht, die sich in seinem Ver- langen kundgiebt. Achilleus ist von Natur edel angelegt, ihm ist alles Unedle und Ge- meine zuwider; ein solches Verlangen, wie das von Agamemnon ausgesprochene, hat ihn daher zu gerechtem Zorne entflammen müssen, um so mehr, da Agamemnon schon von selbst wissen konnte, dass es gerade augenblicklich schwer sein dürfte, seinem Verlangen gerecht zu wer- den. Aber, obwohl von berechtigtem Zorne durchglüht, wird Achill doch schon wieder etwas ruhiger und rät dem Agamemnon in gütlichen Worten, ohne augenblicklichen Ersatz die Jungfrau zu entlassen; später, nach der Einnahme Trojas, werde ihm reichlicher Ersatz zu teil werden.

L. Achill hat sich also, wie wir soeben sahen, schon etwas gemiässigt; trotz seiner Erregtheit weiss er in vernünftiger und besonnener Weise dem Agamemnon das Unrecht seiner Forderung zu entwickeln. Wodurch wird hierauf sein Zorn aufs neue angefacht? S. Durch Agamemnons Unverschämtheit. L. Worin zeigt sich diese? S. Sie zeigt sich einesteils darin, dass er den Achilleus trügerischer Absichten beschuldigt, andernteils darin, dass er sich nicht scheut, es offen auszusprechen, dass er, wenn die Griechen ihm keinen Ersatz gewähren wollen, selbst kommen und sich das Verweigerte holen werde, wobei er schon halb und halb andeutet, was er später ganz bestimmt erklärt, dass er sich möglicher- weise die Briséis als Ehrengeschenk auswählen werde. L. Zu der Habsucht und Unver- schämtheit des Agamemnon tritt aber noch ein drittes hinzu. Was ist dies wohl? S. Seine heillose Verblendung. L. Erläutere dies. S. Wenn Agamemnon wirklich so weit gehen sollte, wie er angekündigt hat, so kann Achill es nicht über sich gewinnen, noch fernerhin zur grösseren Verherrlichung des Oberanführers, dem ja der Hauptruhm