Aufsatz 
Die Ilias im deutschen Unterrichte der Realanstalten / von Joseph Mathi
Entstehung
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4) L. Wohin müssen wir uns im folgenden Abschnitte versetzt denken? S. Wiederum in eine Volksversammlung. L. Am wie vielten Tage nach Ausbruch der Seuche wird diese berufen? S. Am zehnten. L. Wer beruft sie? S. Achilleus. L. Von wem wurde er dazu veranlasst? S. Von Hera, die, wie wir hörten, eine entschiedene Freundin der Griechen war; von ihr heisst es hier:sie sorgt' um der Danaer Volk, die Sterbenden schauend. L. Achill hat sich gewiss schon manchmal, von innigstem Mitleid erfasst mit der grossen Not seiner Lands- leute, Sorgen darum gemacht, wie dieser Not abzuhelfen sei; daher giebt gerade ihm die Göttin den Gedanken ein, eine Volksversammlung zu berufen. Leget kurz dar, in weleher Weise wir die in der Versammlung sich abspielenden Vorgänge gliedern können.

S. a) Der Streit wird vorbereitet(K. 55 113. V. 57 120).

b) Der Streit kommt zum vollen Ausbruch, erreicht seinen Höhepunkt und wütet in ziemlich grosser Heftigkeit weiter(K. 114 227. V. 121 247).

c) Der Streit erreicht seinen vorläufigen Abschluss; die Versammlung löst sich auf. (K. 227 270. V. 247 305) ¹)

L. Wir wollen nun Abschnitt a näher ins Auge fassen. Erzählt den Inhalt dieses Abschnitts. S.(unter mehrere Schüler zu verteilen) Achill, der die Versammlung berufen hat, tritt selbstverständlich zuerst in derselben auf. An den Oberanführer Agamemnon sich wendend, sagt er ungefähr folgendes: Ich dächte, es wäre wohl am besten, wenn wir wieder nach Hause zurückkehrten; es ist allerdings fraglich, ob es überhaupt noch möglich ist, dem Tode zu entrinnen, da der Krieg und die Pest zugleich unsere Scharen lichten. Wir wollen einen der Opferpriester oder Seher oder Traumausleger fragen, wodurch wir Apollos Zorn erregt haben. Darauf erhob sich unter den Vogelschauern der weiseste, Kalchas mit Namen, und hub also an zu reden: Gerne will ich sagen, was den Apollo gegen uns aufgebracht hat, aber ich fürchte, wenn ich offen die Wahrheit künde, den Zorn eines gewissen Mannes gegen mich zu erregen, der mächtig und kraftvoll gebietet über Argos Völker und dem wir alle gehorchen. Ehe ich darum weiter spreche, sage mir erst, Achill, ob du mich gegen dieses Mannes Zorn schützen willst. Hierauf versicherte Achill den Seher seines Schutzes jeder- mann gegenüber, sollte es selbst Agamemnon sein, den er als den Schuldigen nennete. Dar- auf begann der Seher aufs neue und sprach: Nicht etwa deshalb zürnt Apoll, weil ihm Ge- lübde nicht erfüllt oder Opfer nicht dargebracht worden wären, sondern er zürnt, weil Agamem- non seinen Priester in so schmachvoller Weise behandelt und entehrt hat, und nicht eher wird er, glaub' ich, aufhören uns zu strafen, bis man dem Vater die Tochter wieder heim- führt, und zwar ohne jegliches Lösegeld, und mit der Tochter zugleich müssen 100 auser- lesene Stiere nach Chrysa geführt und dort dem Apollo in feierlichem Opfer dargebracht werden. Dann lässt sich der Gott vielleicht versöhnen und wendet uns wieder seine Huld zu.

Nachdem Kalchas so geredet, setzte er sich. Jetzt fuhr der Völkerfürst Agamemnon auf Zorn und Wut funkelten aus seinen Blicken und malten sich in seinen Zügen und gegen den Kalchas gewendet, rief er: Unglücksseher, so oft du nur den Mund aufthust, kün- dest du mir Unheil; auch jetzt soll ich es wieder sein, der an dem ganzen Unglück schuld ist. Also deshalb soll Apollo zürnen, deshalb sterben so viele dahin, weil ich des Chryses Tochter nicht herausgab. Ja fürwahr, viel lieber behielte ich sie, der an Schönheit, Verstand und Kunstfertigkeit nur wenige gleichkommen, aber meinetwegen, wenn es so heilsamer sein soll für unser Volk, an dessen Wohl mir gerade soviel liegt wie euch andern, nun dann will ich sie zurückgeben. Aber das sage ich euch: statt der Chryseis habt ihr mir ein anderes Ehrengeschenk herbeizuschaffen, denn ich will nicht allein unter allen Danaern ohne Ehren- geschenk sein.

¹) Also Anfang, Höhepunkt, Ende. Dass der Schüler immer wieder darauf aufmerksam zu machen sei,wie die verschiedenen Darstellungen in Prosa und Poesie, die er kennen lernt, stèêts dieselben Ent- wicklungsphasen der Handlung aufweisen, Anfang, Höhepunkt und Ende, oder, wenn sie Schilderungen u. dergl. enthalten, stets eine ühnliche Steigerung in der Anordnung der einzelnen Teile zeigen, darüber ver- gleiche man Hüter in Lehrg. u. Lehrpr. v. Frick und Meyer, Heft XIX.Zusammenfassende Betrachtung der Patrokleia im weiteren Sinne.