Aufsatz 
Die Ilias im deutschen Unterrichte der Realanstalten / von Joseph Mathi
Entstehung
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schuldig. Erzählt, was Apollo that. S. Das Herz von furchtbarem Zorne durchglüht, unheil- kündenden Antlitzes, eilte der Gott schnell von den Hõhen des Olymp herab; er liess sich nieder in einiger Entfernung von dem Schiffslager und sandte alsdann seine todbringenden Geschosse ins griechische Lager, anfangs nur Maultiere und Hunde erlegend, dann aber nach den Griechen zielend. Welche Wirkung die Pfeile Apollos hervorbrachten, das sagt uns der Dichter kurz, aber treffend in den wenigen Worten:und rastlos brannten die Totenfeuer in Menge. L. Bleiben wir hier stehen. Ihr seht aus dem eben Gesagten, dass unser Dichter nicht weitläufig erzählt, wie Apollo einen Griechen nach dem andern erlegte, sondern dass er, statt die Sache selbst im einzelnen zu schildern, nur kurz, aber in dieser Kürze vieles sagend, die Wirkung der Pfeilschüsse hervorhebt. So macht es auch, dies dürft ihr euch schon hier merken, unser Dichter und andere bedeutende Dichter sind ihm hierin gefolgt. gar oft bei der Darstellung körperlicher Schönheit; statt von dieser Schönheit selbst viel zu sprechen, hebt er hervor, wie der Anblick dieser Schönheit auf andere wirkt. Beispiele hier- von werdet ihr im Laufe der Zeit noch genug finden. Diejenigen von euch, welche später einmal in die Prima einer Vollanstalt eintreten, werden noch vieles zu hören bekommen von einem Werke Lessings, das sichLaokoon betitelt. In diesem Werke(Buch 21) sagt Les- sing über den eben besprochenen Punkt folgendes:Was Homer nicht nach seinen Bestandteilen beschreiben konnte, lässt er uns in seiner Wirkung erkennen. Malt uns, Dichter, das Wohl- gefallen, die Zuneigung, die Liebe, das Entzücken, welches die Schönheit verursacht, und ihr habt die Schönheit selbst gemalt. So also heisst es in LessingsLaokoon. Ihr werdet überhaupt hier in der Homerstunde gar manches hören, das später, wenn ihr euch einmal mit dem Laokoon näher bekannt macht, wieder in eurer Erinnerung auftauchen wird. Je aufmerksamer ihr hier in dieser Stunde seid, desto leichter wird euch später das Verständnis der Darle- gungen in Lessings Laokoon sein. Hören wir nun auch im Anschluss an das eben Vernom- mene, was Lessing in dem genannten Werke(Buch 13) über die Homerische Zeichnung des zürnenden Apollo sagt:Ergrimmt, mit Bogen und Köcher, steigt Apollo von den Zinnen des Olymps. Ich sehe ihn nicht allein herabsteigen, ich höre ihn. Mit jedem Tritte er- klingen die Pfeile um die Schultern des Zornigen. Er geht einher, gleich der Nacht. Nun sitzt er gegen den Schiffen über, und schnellt fürchterlich erklingt der silberne Bogen den ersten Pfeil auf die Maultiere und Hunde. Sodann fasst er mit dem giftigen Pfeile die Menschen selbst; und überall lodern unaufhörlich Holzstösse mit Leichnamen. Seht, so weiss Homer zu schildern, in einer Weise, dass mehrere unserer Sinne zugleich in Erregung und Spannung versetzt werden; das ist naturgetreue und lebenswahre, das ist zugleich fesselnde, ja ich mõöchte sagen packende Schilderung. Wie naturgetreu und lebenswahr, wie fesselnd und packend Homer zu schildern versteht, das wird euch schon mehrfach im Vorhergehenden zum Bewusstsein gekommen sein. Denkt z. B. nur an die Erscheinung des Apollopriesters, wie er da, den lorbeergeschmückten goldenen Stab in der Hand, vor den versammelten Grie- chen steht, wie er laut zu den Achäern fleht, zumeist zu den beiden Atriden, wie ihm dann Beifall gezollt wird von der ganzen grossen Versammlung, die den Agamemnon bestürmt dochehrend den Priester zu scheuen und die köstliche Lösung zu nehmen, wie aber dann Agamemnon in ungestümem Zorne aufbraust und sich zu den gröblichsten Beschimpfungen und Drohungen fortreissen lässt. Wenn es also der Dichter fertiggebracht hat, mit nur we- nigen Zügen uns solche Bilder so anschaulich und naturgetreu, ganz der Wirklichkeit ent- sprechend, vor Augen zu führen, wenn er es verstanden hat, den Gestalten, die er geschaffen, Leben und Bewegung einzuhauchen, so dass es uns ist, als ob wir sie vor uns sähen, als ob wir ihre Worte vernähmen, als ob wir in ihrer Haltung und in ihren Mienen läsen, was ihre Seele bewegt, so werden wir sagen müssen, dass Homer eine entschieden plastische ¹) Be- gabung besessen habe, eine Begabung, die ja dem Griechenvolke überhaupt mehr eigentüm- lich ist als irgend einem andern Volke. Doch nun dürfte es an der Zeit sein, einen Schritt weiterzugehen.

¹) Was dieser Ausdruck besagen soll, ist natürlich in aller Kürze den Schülern klar zu machen. Es konnte auch bereits in der Vorbesprechung bei Erwähnung des olympischen Zeus von Phidias auf die Bedeutung der WortePlastik,plastisch hingewiesen werden.