kommene Mahl? Das ist echt dichterische Darstellung, echt dichterische Sprache. Der Dichter versteht es, durch seine Darstellung und seine Ausdruckweise unsere Phantasie mächtig anzuregen, so dass uns das Bild, auf das unsere Aufmerksamheit hingelenkt wird, lebendig vor Augen steht und dass wir dasselbe unwillkürlich vervollständigen und uns weiter aus- malen. ¹) Wie weiss der Dichter ferner unser Mitgefühl zu erregen? Die dem Tode Ver- fallenen sind, wie wir oben hörten, kräftige, gewaltige Krieger, also meistens wohl Männer im der Blüte der Jahre, und diese müssen der Welt, auf der sie noch so vieles hätten wirken können, an der sie noch mit ganzer Seele hingen, Lebewohl sagen für immer. So wirkt der Dichter durch seine Darstellung, durch seine Sprache, und nur weniger Worte bedarf er, um eine solche Wirkung hervorzubringen.— Gehen wir nun weiter. Was teilt uns der Dichter im Eingang noch mehr mit? S. Wir hören, bei welcher Gelegenheit der Zorn des Achilleus er- regt wurde, nämlich bei Gelegenheit eines Streites mit Agamemnon, und weiter vernehmen wir, dass dieser Zorn und seine verhängnisvollen Folgen dem Willen des Zeus entsprachen, denn es heisst ausdrücklich:„So ward Zeus Wille vollendet“.
L. Das alles also teilte uns das Proömium mit. Wir sind jetzt hinlänglich darüber unterrichtet, welches das Thema der Dichtung ist. Um dieses Thema, also den Zorn des Achilleus, muss sich alles drehen, was uns in der Dichtung erzählt wird, mit ihm muss alles in einem gewissen Zusammenhange stehen. Dieser Zusammenhang wird euch oft sofort und unmittelbar ersichtlich sein, manchmal aber liegt er nicht ohneweiters klar zu Tage, lässt sich jedoch bei einigem Nachdenken auffinden. ²)
2) L. Nachdem wir die Einleitung besprochen haben, wollen wir nun dem Beginne der eigentlichen Erzählung uns zuwenden. Erzählet kurz den Inhalt dessen, was zunächst folgt. S. Apollo sandte dem griechischen Heere eine verderbliche Seuche zu. Der Grund lag in folgendem Vorkommnis. Die Griechen hatten, wie sie dies schon manchmal gethan, vor kurzem einen Streifzug unternommen, auf welchem sie die Chryséis, die Tochter des Apollopriesters Chryses in Chrysa, gefangen genommen hatten. Diese war bei der Verteilung der Beute dem Oberanführer Agamemnon als Ehrengeschenk zugeteilt worden. Der unglück- liche Vater war nun gekommen, seine Tochter loszukaufen; er war gekommen mit einer grossen Lösesumme und geschmückt mit den Abzeichen seiner priesterlichen Würde. Durch beides, sowie durch seine eindringlichen Bitten und Vorstellungen gedachte er die Herzen der Griechen zu erweichen. Einmütig forderten diese den Agamemnon auf, des Priesters Bitten zu berücksichtigen, schon aus ehrender Scheu vor seinem Amte. Aber auf Agamemnon machten weder des Priesters Bitten noch des Heeres Aufforderungen den erhofften Eindruck. Im Gegenteil, rundweg schlug er die Bitten des Priesters ab und überhäufte ihn obendrein mit den ärgsten Schmähungen, ja er forderte ihn auf, sich sofort zu entfernen und sich fürderhin nicht mehr vor seinen Augen blicken zu lassen, sonst würde er vor seinem Zorne nicht sicher sein, ja, der Stab und Lorbeer seines Gottes würde ihm dann kaum etwas helfen. L. Sehet, hierdurch forderte Agamemnon geradezu das göttliche Strafgericht auf sich herab, er frevelte durch seine sündhaften Worte geradezu gegen Apollo selbst; dass dieser sich eine solche Be- leidigung ungestraft würde bieten lassen, können wir kaum erwarten.(Erinnerung an Bel- sazar von Heine:„Jehovah, dir künd ich auf ewig Hohn“; sowie an den wilden Jäger von Bürger:„Mag's Gott und dich, du Narr, verdriessen, so will ich meine Lust doch büssen“.)
3) L. Erzählt nun weiter, was Chryses jetzt that. S. Er ging ans Ufer des laut- aufrauschenden Meeres, und an diesem dahinwandelnd flehte er zu scinem Gotte, dem Apollo, dem er allzeit ein treuergebener Priester gewesen, dass er die ihm angethane Schmach an den Achäern rächen möchte. L. Dass Apollo seinen Priester erhören werde, kann uns nicht zweifelhaft sein, das war der Gott diesem, das war er nach dem oben Gesagten sich selber
¹) Die Poesie wird von Schopenhauer bezeichnet als die Kunst, welche durch Worte die Phantasie
ins Spiel setzt. 3 ²) Man vergleiche hierzu Kocks,„Über die Einheit in der Komposition der Ilias“ in der Zeitschrift „Gymnasium“ 1890.


