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Abschnitts zu erfolgen, und zwar wieder so ziemlich in der Weise, wie es oben dargelegt worden ist. Je mehr die Lektüre voranschreitet, desto kürzer wird die Vorbesprechung aus- fallen können.
Nachdem so im allgemeinen der Gang dieses Unterrichtes, der mutatis mutandis natür- lich auch in den meisten anderen Unterrichtsfächern eingeschlagen werden kann, da er ja eigentlich keine besondere Specialität für sich bildet, kurz angedeutet ist, gehe ich zum be- sonderen Teile über, indem ich in Form einer Lehrprobe meine Ideen über die Behandlung des ersten Buches(nach Fr. Kern) im Unterrichte niederzulegen beabsichtige.
II. Besonderer Teil.
Da mit dem von mir näher zu behandelnden ersten Gesange die unterrichtliche Be- handlung der Ilias überhaupt anhebt, so wird, wie schon oben berührt, es nötig sein, durch kurze Darlegung der vorausgehenden Ereignisse die Schüler in den Kreis einzuführen, in dem sie heimisch werden sollen. Auch hier gilt, wie ebenfalls schon erwähnt, dass man möglichst die Schüler heranziehe, die ja bis dahin vom trojanischen Kriege schon gar manches gehört und gelesen haben. Es dürfte für die in Rede stehende Einführung m. E. vollständig aus- reichen, wenn der wesentliche Inhalt dessen geboten würde, was in Weissenborns verkürzter Ilias ¹) in der Einleitung I, S. V und VI mitgetheilt ist unter der Überschrift: Die vor der Ilias liegenden Ereignisse. Hierauf kann man zur näheren Vorbesprechung des zur nächsten Stunde aufzugebenden Abschnitts übergehen. Diese Vorbesprechung muss für dieses Mal eine ziemlich weitläufige sein, da, um von manchen andren Dingen gar nicht zu reden, der Schüler mit einer grösseren Anzahl der griechischen Gottheiten bekannt gemacht werden muss, was bei Realschülern wohl etwas mchr Zeit beanspruchen dürfte als bei gleichaltrigen Gymnasial- schülern. Die erste Vorbesprechung dürfte mit der oben angedeuteten allgemeinen Einleitung und kurzer Besprechung des daktylischen Hexameters und mit daran sich anschliessenden Lese- proben wohl die ganze erste Unterrichtsstunde ausfüllen. Da wir zur ferneren Behandlung des ersten Gesangs wohl noch 2 weitere Unterrichtsstunden nötig haben, so brauchen wir zur Bewältigung dieses Gesangs 3 volle Lehrstunden(nur der Schluss der letzten dieser 3 Stunden wird der Vorbesprechung des folgenden Gesangs gewidmet sein). So viele Zeit kann man, um dies gleich hier zu sagen, natürlich nicht auf jeden der 15 Abschnitte der Kern'schen Ausgabe verwenden, da im deutschen Unterrichte dieser Klasse auch noch sehr viele sonstige Aufgaben zu erledigen sind. Es wird bei vielen der späteren Abschnitte(Gesänge) eine Lehrstunde zur Erledigung des ganzen Abschnitts(Gesangs) hinreichen, einige bedürfen aller- dings auch zweier Stunden, mehr ausser dem ersten wohl keiner. Es braucht aber auch nicht jeder dieser Abschnitte im Unterrichte selbst in ausführlicher Weise behandelt zu wer- den, bei manchen derselben oder doch einem Teile dieses oder jenes Abschnitts genügt fast lediglich häusliche Privatlektüre, die allerdings vom Lehrer in der Klasse zu kontrollieren ist,
Kapitel eingehend behandelt und verstanden sind, wird das Lesen ganz anders ausfallen als vorher. Ebenso verfahre man, wenn z. B. eine Rede von Cicero beendigt ist. Man lasse einen Schüler das Exordium über- nehmen, einen zweiten die Narratio, in die Argumentatio teilen sich verschiedene Schüler u. s. w. Die Schüler besteigen den Katheder, und nun trägt einer nach dem andern aus dem Buche die von ihm über- nommene Partie laut, deutlich und mit sinngemässer Betonung vor. Es dürfte das nach meinem Dafürhalten besser sein, als etwa nach Abschluss der Behandlung der Rede nun noch einmal die ganze Rede in deutscher Ubersetzung herunterrasseln zu lassen— man verzeihe mir diesen. Ausdruck—. Denn sollen die Schüler dieser Anforderung genügen, so müssten viele von ihnen die Übersetzung sozusagen lernen, sie sollen aber im fremdsprachlichen Unterrichte nicht die Übersetz ung, sondern das UÜbersetzen lernen(zu diesem Punkte vergl. auch Widmann„Dressieren und Dozieren die Feinde des Unterrichts“ in der Zeitschr. „Gymnasium? 1889, eine Abhandlung, die allen an übermässiger Dozier- und Dressiersucht leidenden Lehrern nicht genug zur Beherzigung empfohlen werden kann), und dieser Forderung ist, wenn in den vorhergegange- nen Unterrichtsstunden richtig verfahren worden ist, hinlänglich genügt.
¹) Homers Ilias in verkürzter Form nach J. H. Voss bearbeitet von Dr. Edmund Weissenborn. Leipzig, Teubner 1888.


