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dieser Jugend zu lesen und die Bedürfnisse der jugendlichen Seele richtig und klar zu er- kennen und ihnen entgegenzukommen, lege man sich auch vor allem seinen Unterrichtsstoff jederzeit vorher gewissenhaft und sorgsam zurecht, wobei natürlich vorausgesetzt wird, dass man diesen Stoff sich vollständig zu eigen gemacht habe, so wird es mit diesem Unterrichte, wie mit jedem anderen, gelingen. Noch will ich, ehe ich zum eigentlichen Gegenstande meiner Abhandlung übergehe, bemerken, dass wir an unserer Anstalt für die Iliaslektüre der Ober- tertig den auf der Übertragung von Voss beruhenden Auszug von Fr. Kern eingeführt haben. ¹) Wenngleich ich in diesem Auszuge einige Partieen aus der Gesamtdichtung nur ungern ver- misse, wie ja der Herausgeber im Vorworte auch selbst erklärt, dass manche schöne Linzelheit habe wegbleiben müssen, die man gern auch dem Schüler böte, so scheint mir doch im ganzen und grossen die Auswahl eine sehr sorgfältige und die Zusammenstellung des Ge- botenen eine durchaus zweckmässige zu sein. Nach diesem Iliasauszuge werde ich mich in meinen folgenden Ausführungen richten. So wende ich mich nunmehr zur Sache selbst, und zwar will ich zunächst in einem kurzen allgemeinen Teile das Verfahren erörtern, das ich für meine Person in diesem Unterrichte für das angemessenste halte, worauf ich in einem ausführlicheren besonderen Teile darzulegen suchen werde, wie man nach meiner Ansicht in zweckentsprechender Weise das 1. Buch der Ilias behandeln kann. An diese Darlegung werden sich dann noch einige Bemerkungen über die weitere Behandlung unsers Gegenstandes anschliessen.
I. Allgemeiner Teil.
Vor Beginn der Lektüre überhaupt sind die Schüler durch eine möglichst knapp gehaltene Einleitung in den durch die Dichtung eröffneten Sagenkreis einzuführen. Ist dies geschehen, so ist den Schülern zum Zwecke häuslichen Durchlesens der erste in der nächsten Stunde durchzunehmende Abschnitt zu bezeichnen, nach dessen Durchnahme der folgende, und so weiter von Stunde zu Stunde. Um nun die Schwierigkeiten, die sich den Schülern beim häuslichen Durchlesen in den Weg stellen und das Verständnis erschweren, von vorn- herein wegzuräumen, suche man jedesmal, nachdem der betr. Abschnitt aufgegeben ist, durch eine Vorbesprechung jene Schwierigkeiten zu beseitigen. Eine solche Vorbesprechung hat zugleich den Vorteil, dass man nachher bei der Hauptbesprechung lediglich auf die Dinge sein Augenmerk richten kann, auf die es in erster Linie ankommt. Bei dieser Vorbespre- chung sowohl wie in jedem anderen Unterrichte sei oberster Grundsatz: möglichst viel die Schüler heranziehen! Was die Schüler selbst finden können, trage ihnen der Lehrer nicht vor, sondern er suche durch geschickt gestellte Fragen jene dahin zu bringen, dass sie aus der reichen Fülle dessen, was sie früher beobachtet, gehört, gelernt und in den Schatzkam- mern der Erinnerung aufgespeichert haben, das jedesmal Erforderliche hervorholen und sich darüber aussprechen. Nur was die Schüler nicht wissen und nicht selbst finden können, das gebe ihnen der Lehrer in zusammenhängender Mitteilung, im übrigen herrsche reger Wechsel zwischen Frage und Antwort. Oftmals wird allerdings der Lehrer das, was die Schüler auf seine Fragen geantwortet haben, nochmals kurz zusammenfassen und in mustergültiger sprach- licher Form zusammenhängend vortragen müssen.
Nachdem so dem vorläufigen Verständnis des zu häuslicher Lektüre aufgegebenen Abschnittes die Wege geebnet sind, hat der Schüler zur nächsten Stunde den betreffenden Abschnitt gewissenhaft durchzulesen. Man sage ihm sogleich von vornherein, dass er sein Augenmerk zu richten habe auf Zeit und Ort der in dem bezüglichen Abschnitte vorkommen- den Begebenheiten, auf den Verlauf der Handlung, auf die an der Handlung beteiligten Per- sonen und die am meisten in die Augen springenden Eigenschaften derselben, sowie auch auf besondere Eigentümlichkeiten des sprachlichen Ausdrucks; auch danach soll sich der Schüler fragen, in welchem Verhältnisse der betr. Abschnitt wohl zum Ganzen stehe, welche Bedeutung der betr. Abschnitt für die Durchführung des Grundthemas habe.
¹) Homers Ilias in einem durch Ausscheidung der Nebenhandlungen hergestellten Auerufe nach der UÜbersetzung von J. H. Voss bearbeitet von Franz Kern. Bielefeld und Leipzig, Velhagen und Klasing.


