Aufsatz 
Die Ilias im deutschen Unterrichte der Realanstalten / von Joseph Mathi
Entstehung
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Nuch den neuen preussischen Lehrplänen vom 6. Januar 1892 soll in der Ober- tertia von Realanstalten im deutschen Unterrichte neben der Lektüre anderer Dichtungen auch Homerlektüre nach der UÜbersetzung von Voss betrieben werden. Schon ehe die neuen Lehr- pläne in Kraft traten, wurde in Realanstalten vielfach im deutschen Unterrichte Homer in der Voss'schen Ubersetzung gelesen, allerdings meistens erst in Unter- oder Obersekunda. Dass in Realanstalten die Homerischen Dichtungen in den Kanon der Lektüre überhaupt aufgenommen werden, dürfte nach meinem Dafürhalten durchaus berechtigt sein. Warum soll man, von vielen anderen Gründen abgesehen, die Jugend einer höheren Schule, welchen Charakter diese letztere auch haben mag, nicht dahin führen, wo der Quell der Poesie in ungetrübter Reinheit und unversiegbarer Stärke so klar, voll und mächtig sprudelt, ein Quell, aus dem zu schöpfen Wonne bereitet, an dem sich zu laben edelster Genuss ist? Es gehört allerdings nach Goethes Worten ein ganzes Leben dazu, die Homerischen Gedichte recht zu verstehen; um so mehr dürfte es Sache der höheren Schule sein, ihre Schüler in das Ver- ständnis dieser Dichtungen überhaupt einzuführen und in ihnen die Empfänglichkeit für ein immer besseres und volleres Verständnis derselben zu begründen und zu nähren. Man könnte nur vielleicht darüber im Zweifel sein, ob an Realanstalten bereits die Tertia hierzu die geeignetste Klasse sei, und ob nicht, wie früher, besser der Sekunda der Betrieb dieser Lektüre zugewiesen werde. Der Verfasser dieser Abhandlung hat früher in Realsekunda (Unter- und Obersekunda vereinigt) der von ihm geleiteten Anstalt den betr. Unterricht er- teilt und mit seinen Schülern in der erwähnten Klasse sowohl die Ilias als auch die Odyssee gelesen, und er muss gestehen, dass diese Homerstunden für ihn jetzt noch ein Gegenstand lieber Erinnerung sind; er glaubt auch seinen Schülern einige Liebe zu den Homerischen Dichtungen eingeflösst zu haben, so dass wenigstens der eine oder der andere von ihnen hoffentlich das eine oder andere Mal gern wieder seinen verdeutschten Homer hervorholen und immer tiefer in das Verständnis der herrlichen Dichtungen einzudringen suchen wird. Dass für Sekunda diese Lektüre eine durchaus geeignete sei, ist ihm keinen Augenblick zweifelhaft, das kann er auf Grund eigner Erfahrung erklären. Dass aber auch der Ober- tertianer bereits hinlänglich befähigt sei, diesem Unterrichte mit voller Teilnahme und mit Nutzen zu folgen, darüber ist er ebensowenig im Zweifel. Das Alter, in dem die Schüler der Obertertia durchschnittlich stehen, scheint ihm für diesen Unterricht hinreichend reif zu sein; es muss der diesen Unterricht erteilende Lehrer nur bedenken, dass er es nicht mit Sekundanern oder Primanern eines humanistischen Gymnasiums oder gar mit jungen Philologen zu thun habe, sondern mit Schülern, die meistens noch im Knabenalter stehen, und demzu- folge muss er seinen Stoff so behandeln und seinen Unterricht so einrichten, dass seine Sprache Kinderherzen verständlich ist und dass seine Worte freudiger und williger Aufnahme in diesen Herzen gewiss sein dürfen. Wie man dies anfangen könne, wie man die Homer- lektüre in der Obertertia von Realanstalten behandeln könne, wenn anders sie ihrem Zwecke ge- nügen soll, das nachzuweisen ist die Aufgabe, die ich mir stellte, als ich zur Abfassung dieser kurzen Abhandlung schritt; und zwar wollte ich meine Aufgabe hauptsächlich zu lösen suchen durch Darlegung der Art und Weise, wie im deutschen Unterrichte der Realobertertia das erste Buch der Ilias durchgenommen werden kann. Da man aus dieser Darlegung auf die Art des Be- triebs der Lektüre der übrigen Bücher der Ilias schliessen kann und da auch Winke für die Behandlung des weiteren Inhalts der Ilias gegeben werden, so mag es wohl gerechtfertigt erscheinen, wenn ich diese Abhandlung überschrieb:Die Ilias im deutschen Unterrichte der Realanstalten. Ich sagte oben ausdrücklich, dass ich darlegen wollte, wie man diese Lektüre in der erwähnten Klasse behandeln könne, nicht etwa behandeln müsse. Der eine Lehrer wird am besten auf diesem, der andere auf jenem Wege sein Ziel erreichen. Bringe man nur Lust und Liebe mit zu seinem Berufe, bringe man ferner ein frisches und von Liebe zu unsrer Jugend getragenes Herz mit in die Schule, gewöhne man sich daran, in den Herzen