Aufsatz 
Reform des Elementarunterrichts in der Vorschule und Abschluß dieses Unterrichts in der deutschen Sexta. Eine pädagogisch-kritische Studie
Entstehung
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Im vergangenen Schuljahr hatten wir den Tod eines hochgeschätzten Mitarbeiters zu beklagen. Nach kurzer Krankheit verschied am 7. Juni 1896 Herr Oberlehrer Gustav Lichtenstein, zu den schönsten Hoffnungen berechtigend und mitten aus der segensreichsten Thätigkeit herausgerissen. In tiefer Trauer nahmen an dem am 10. Juni stattfindenden Be- gräbnis, zu dem aus der fernen Heimat die Schwester herbeigeeilt war, die Kollegen, die Schüler und viele hiesige und auswärtige Freunde und Studiengenossen des Verblichenen teil. Die zahl- reichen Blumenspenden und die herzlichen Worte, welche am Grabe gesprochen wurden, legten von der großen Liebe und Verehrung, in der der Verstorbene gestanden, Zeugnis ab.

Gustav Lichtenstein, geboren am 24. Juli 1865 zu Leba im Kreise Lauenburg in Pommern, studierte, nachdem er am Gympasium zu Neustadt in Ostpreußen die Reifeprüfung bestanden hatte, in Greifswalde, Berlin und Marburg neuere Philologie, in welch' letzterer Stadt er am 11. Juli 1890 im Examen pro facultate docendi die Befähigung, Französisch und Englisch in allen, Deutsch und Latein in den mittleren Klassen zu unterrichten, erlangte. Dann erledigte er das Semipnarjahr in Kassel und das Probejahr am Realgymnasium in Wiesbaden; war 2 Jahre Erzieher in dem Hause des Herrn von Hauff in Nizza; trat im Herbst 1894 als wissenschaftlicher Hülfslehrer bei der Wöhlerschule ein und wurde an derselben als Oberlehrer im Herbst 1895 fest angestellt. Er erteilte den neusprachlichen Unterricht mit großem Erfolge, lehrte auch Italienisch in den Handelsklassen und beteiligte sich mit regem Interesse an der Leitung der Turnspiele. Er war nicht nur ein hochangesehener Lehrer, sondern auch ein wissen- schaftlich bedeutender Mann, der unermüdlich arbeitete und weiter strebte.

Auch in dem zu Ende gehenden Schuljahr war das Lehrer-Kollegium leider viel- fach von Krankheiten heimgesucht, so daß manche Verschiebungen in der Unterrichtsverteilung, viele Vertretungen und mehrfache Umarbeitung des Stundenplans nötig wurden. Herr Professor Dr. Weber und Herr Professor Dr. Oelsner mubten während des ganzen Jahres in ihrer Stunden- zahl beschränkt werden; Herr Professor Dr. Wolff fehlte von Ostern bis Pfingsten, Herr Fried vom 15. 27. Juni und 4. 31. August 1896, Herr Oberlehrer Dr. Hahn vom 11. 23. Januar 1897, Herr Oberlehrer Dr. Fischer vom 9. 24. März; Herr Oberlehrer Orth das ganze Schul- jahr, Herr Professor Dr. Hoburg den Winter hindurch; es erkrankten die Herren Blecker, dessen Stundenzahl seit Ostern 1896 herabgesetzt gewesen war, am 4. Juli 1896, Professor Dr. Richters am 20. November 1896, Oberlehrer Geußenhainer am 19. Januar 1897; sie waren bis zu Ende des Schuljahres aufzer stande, ihren Unterricht wieder aufzunehmen. Aufßerdem waren die Herren Dr. Gentsch und Oberlehrer Schmidt je 2 Monate zu militärischen Dienstleistungen einberufen. An den Vertretungen beteiligten sich außer den festangestellten Lehrern der Schule die Herren Schmidt, der Herbst 1896 in eine frei gewordene Oberlehrerstelle aufrückte, Fried, Dr. Jahn, Schlitt, Dr. Gentsch, Professor Dr. Boettger, Gießelmann und Dr. Reusch, welcher an der Wöhler- schule Ostern 1897 sein Probejahr beendete. Zu großer Genugthuung gereicht es uns, daß zwei verdiente Kollegen, die Herren Oberlehrer Dr. Werner unter dem 30. Juni 1896 und Oberlehrer Butzer unter dem 19. Dezember 1896 den Professortitel verliehen erhielten.

Durch den Tod verlor die Schule drei liebe treffliche Schüler, am 18. April 1896 den Sextaner Hellmuth Wittekind, am 5. September 1896 den Obersekundaner Guy Priestley, welcher während der Sommerferien bei seinen Eltern erkrankte und in London starb, und am 26. November 1896 den Vorschüler Aug. Georg Scheible. Lehrer und Schüler haben an dem Verluste der so schwer geprüften Familien den innigsten Anteil genommen.

Am 3. November 1896 feierte unser Pedell, Herr Christian Dietrich, seinen 70. Ge- burtstag. Eine Abordnung des Lehrerkollegiums und der Schüler sprach dem verdienten Manne die Glückwünsche der Schule aus und überreichte ihm ein Ehrengeschenk.

Die Turn- und Bewegungsspiele fanden im Sommer regelmäßig und im Winter so lange es die Witterung erlaubte, Dienstag nachmittags auf dem Altaracker und für die kleineren Sextaner und Quintaner auf dem Schulhof statt. Es nahmen unter der Leitung der Herren Lichtenstein, Fried, Schlitt, Schmidt, Dr. Gentsch und Dr. Reusch daran 326 Schüler der Realklassen teil, mit einem durchschnittlichen Besuch von 91%. Diejenigen Schüler, welche den Spielplatz regelmäßig besucht hatten, erhielten den Nachmittag des 18. September 1896 zu einer Turnfahrt unter freundlicher Leitung der Herren Fried, Dr. Gentsch und Dr. Reusch frei. Am 12. September 1896 fanden die Turnwettspiele der höheren Schulen im Laufen, Weitsprung, Stein-

Wöhlerschule 1897. 6