Aufsatz 
Reform des Elementarunterrichts in der Vorschule und Abschluß dieses Unterrichts in der deutschen Sexta. Eine pädagogisch-kritische Studie
Entstehung
Einzelbild herunterladen

zu Grunde liegt, zur Induktion. Allerdings sind die Ausdrücke, mit welchen das Kind auf der Stufe der sinnlichen Anschauung arbeitet, noch nicht zu logischer Klarheit erhoben, sie ent- sprechen den»psychologischen Begriffen«, die es im Zusammenleben mit anderen Menschen als fertige Gebilde in sich aufgenommen hat; aber indem es an diese Begriffe nun den Matsstab der eignen Beobachtung anzulegen lernt, werden ihm neue Merkmale der von ihm beobachteten Dinge bewußt und damit seine Begriffe in langsamer Selbstthätigkeit klarer. Ich weiß wohl, daß ich mit diesen Ausführungen über die Grenze des bisherigen, lediglich beschreibenden natur- kundlichen Unterrichts der Sexta hinausgehe; aber ich schrecke vor diesem Schritt nicht zurück. Ich frage: Ist es wirklich leichter und dem Entwicklungsgange des kindlichen Geistes auf der Stufe der sinnlichen Anschauung angemessener, alle diese Übungen an einer fremden Sprache und an einem Inhalt vorzunehmen, der trotz aller Bemühungen des Lehrers doch nur ausnahms- weise eine lebhaftere Teilnahme zu erwecken vermag, oder aber auf der»schönen grünen Weide« der Wirklichkeit, welche das Kind mit Augen schaut und mit Händen faßt? Ich verweise auf die bezüglichen Ausführungen Arnold Ohlerts¹) und führe hier noch die Kubzerung eines er- fahrenen Fachmannes an, der auch die. zu engen Schranken des naturwissenschaftlichen Unterrichts auf dieser Stufe beseitigt sehen möchte. Er schreibt:»Der Geist des Sextaners offenbart deut- lich vor allen Dingen den ordnenden und zugleich kausalverknüpfenden und erklärenden Verstand, nächstdem eine gewisse, auch auf Bethätigung aller seiner Kräfte gerichtete Willenskraft und endlich auch Empfindungsfähigkeit, Gemüt alles schon wirksam, wenn auch in verschiedenem Grade und alles auf weitere Entfaltung hinstrebend. Gerade der naturwissenschaftliche Unterricht aber ist in der Lage, allen diesen Fähigkeiten Nahrung und UÜbung zu verschaffen. Mithin dürfen bei ihm nicht ganze Arbeitsgebiete, und besonders im Bereich des Verstandes die Kausalfunktion und ihre Fähigkeit, Naturvorgänge nach ihrer Ursächlichkeit zu verstehen, also erklärende Wissenschaft, wie das bisher leider üblich war, von der Arbeit des Erkennens der umgebenden Welt in sämtlichen Klassen bis zur Sekunda hinauf ausgeschlossen werden. Schon in die Unterklassen, speziell schon in die Sexta, gehört auch die Beobachtung von Naturvorgängen, und aus ihr folgt von selbst schon die beginnende, aber allmählich sich vertiefende, begründende Erklärung«²).

lch wende mich nun zu der Frage des grammatischen Unterrichts. Wir haben oben gesehen, daß die Vorschule bisher an einer UÜberbürdung mit diesem Gegenstand gelitten hat, nicht nur, weil sie Wichtigeres zu thun hat, sondern auch, weil die Schüler noch nicht das geübte Abstraktionsvermögen besitzen, welches für die erfolgreiche Betreibung der Grammatik unerläßlich ist.

Die Fachmänner sind über die Frage des grammatischen Unterrichts im Deutschen in den Unterklassen der höheren Schulen nicht einig. Schrader will, wie wir oben sahen, nichts von ihm wissen. Auch der Bericht der Schlesischen Direktoren-Conferenz von 1891 gesteht ohne weiteres zu, daß auf dieser Stufe von einem tieferen Verständnis für grammatische Dinge nicht die Rede sein kann, daßz man damit zufrieden sein muß,»die wichtigsten Gesetze zu einem mehr äußerlichen Besitztum zu machen«³). Wenn das für Sexta und Quinta zugestanden wird, so bedarf es wohl keines weiteren Nachweises von der Ungehörigkeit eines selbständigen oder

¹) A. Ohlert, d. deutsche höhere Schule p. 88 ff. 200. 226 ff. 233 ff. ²) W. Zopf, der allgem. vorbereitende Cursus der Sexta 1888. Progr. No. 201. ²) Protok. d. Dir.-Conferenz 1891 Schlesien p. 4. 5. 31.