Aufsatz 
Reform des Elementarunterrichts in der Vorschule und Abschluß dieses Unterrichts in der deutschen Sexta. Eine pädagogisch-kritische Studie
Entstehung
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fülle erwarten zu dürfen«¹). Gerade an einer solchen freien Behandlung der Muttersprache, die sich an die im vorigen Abschnitte beschriebene Methode des deutschen Unterrichts der Vor- klassen anschließt, hat es bisher schon aus Mangel an Zeit in Sexta gefehlt. Die orthographischen Diktate, die grammatischen-, die Lese- und Deklamierübungen ließen für die Behandlung der Lesestücke, für reichliche Reproduktion ihres Inhalts und Umbildung ihrer Form bei vier wöchent- lichen Stunden nicht die nötige Zeit. Infolge davon herrscht bei einem sehr bedeutenden Teil unserer Schüler ein ganz auffallender Mangel an sprachlicher Gewandheit nicht nur im schrift- lichen, sondern vor allem auch im mündlichen Ausdruck. Wenn das Sprüchwort recht hat, daß Ubung den Meister macht, so dürfen wir uns nicht wundern, wenn der Mangel an Upung im zusammenhängenden Sprechen bewirkt, daß die Meisterschaft in dieser Kunst von Sexta aufwärts eher ab- als zunimmt.

Das Übersetzen aus der fremden Sprache ins Deutsche leistet bisher gewiß einen wert- vollen Dienst auch für den Fortschritt des Knaben in der Beherrschung seiner Muttersprache. Aber einmal wird der Inhalt des UÜbersetzten doch erst interessant, wenn die zusammenhängenden Stücke an die Reihe kommen.»Die in Prosa gegebenen Erzühlungen und Fabeln stehen hier oben an, besonders wenn durch Rede und Gegenrede eine Art Konversation zu Stande kommt; sie sind neben Gesprächen die auf dieser Stufe fast allein mögliche Form zusammenhängender Lektüre. Bezeichnend ist schon die Freude, wenn eine interessante Uberschrift dieser Art ein Stück gleichsam als Belohnung der vorausgegangenen Arbeit anzeigt«²). Und sodann ist die Freiheit der Bewegung hierbei naturgemäß eine allzu beschränkte und die Uebertragung selbst für die meisten Schüler mit viel zu großen Schwierigkeiten verbunden, als daß darin ein Ersatz für freies Schalten und Walten mit der Muttersprache geboten sein könnte.

Es muß dem Lehrer des Deutschen als Hauptaufgabe gelten, eine Anzahl sorgfältig aus- gewählter Lesestücke durch sachliche und sprachliche Behandlung seinen Schülern völlig eigen zu machen, so daß sie sowohl im Stande sind, Erzählungen frei und fließend zu reproducieren, als auch Beschreibungen nach ihrem Gedankengange zu disponieren. Die sprachliche Behandlung zieht die Wortbildung, auf deren Elemente schon die Vorschule Rücksicht genommen, eingehender in Betracht und leitet den Schüler sowohl an zu etymologischer Gruppenbildung, als auch zur Sammlung sinnverwandter Ausdrücke, um einerseits das Interesse auf die Veränderungen der Grundbedeutung des Wurzelwortes in seinen Sproßformen zu lenken, andrerseits das Sprachgefühl durch Vergleichung von Synonymen zu verfeinern. Dadurch wird ihm die Muttersprache als ein gewaltiger Organismus vorgeführt, und er freut sich, an der Hand seines Lehrers den Spuren des Wachsens und sich Verzweigens dieses Baumes nachzugehen; zugleich aber freut er sich an der reichen Mannigfaltigkeit des Ausdrucks, mit welchem seine Muttersprache ihn befähigt, die feinen Unterschiede zwischen ähnlichen Dingen, Eigenschaften, Thätigkeiten treffend zu charak- terisieren. Hier scheint mir nun auch die Zeit gekommen, wo die ersten Versuche stilistischer Leistungen gemacht werden sollen. Den geeigneten Stoff liefern die Erzühlungen aus der deutschen Geschichte. Die Arbeiten werden abwechselnd mit orthographischen Diktaten in der Klasse ge- schrieben. Auch der Unterricht in der Heimatkunde giebt zu manchen Aufzeichnungen erwünschte Veranlassung, da hier das Lesebuch im Stiche läßt. Wenn die Geschichtserzählungen den Gesichts- kreis des Knaben erweitern, ihn in das große Vaterland hineinschauen lassen und ihm die Herr-

¹) Schrader Unterr. u. Erziehungsl. 3. Aufl. 1876 p. 449. ²) Programm der Wöhlerschule 1883 pag. 22.