10 eigentliche Seele des elementaren Unterrichts ist, nur da sind alle Schüler auch mit ganzer Seele dabei, denn nur da spannt sich in allen der starke Faden eines allen gemeinsamen, weil ihrer Natur gemäßen Interesses. An diesen Hauptfaden des Interesses spinnen sich dann später, sobald die Teilung des Unterrichts in Fächer beginnt, die seitlichen Fäden leicht an, voraus- gesetzt daßs dieser Fachunterricht ebenfalls von der Anschauung ausgeht, solange die Schüler auf der Stufe der sinnlichen Anschauung stehen.
Wer von diesem Standpunkte der psychologischen Erkenntnis aus den Lehrplan der Vorschule prüft, der kann die Notwendigkeit einer grundsätzlichen Reform desselben nicht ver- kennen. Die Volksschule baut ihren Lehrplan längst auf dieser Grundlage auf; sie hat infolge davon in diesem Jahrhundert eine ganz außerordentliche Vervollkommnung erfahren. Ohne Zweifel ist die Erkenntnis dieses gewaltigen Fortschritts noch keineswegs in alle Schichten der Gesellschaft durchgedrungen. Der stärkste Beweis dafür liegt eben in der Thatsache, daks die höhere Schule auf den wichtigsten Vorzug des Volksschulunterrichts in ihrer Vorschule nahezu verzichtet und an seine Stelle eine Art des Unterrichtsbetriebs setzt, die zum guten Teil der früheren Methode des fremdsprachlichen Unterrichts entlehnt ist. Nachdem nun der fremdsprach- liche Unterricht neuerdings auch hier in Frankfurt eine mehr der induktiven Methode sich nähernde Lehrweise angenommen hat, ist es nachgerade an der Zeit, daß auch die Vorschule wieder zu dem Grundsatze zurükkehre, den Comenius und Pestalozzi als die Grundlage alles methodischen Jugendunterrichts festgestellt haben. Es bedarf an dieser Stelle keiner weiteren Ausführung über die Art und Weise dieser Reform des Elementarunterrichts in der Vorschule. Ich berufe mich einerseits auf das oben über die systematische Pflege der Anschauung in der Volksschule Bemerkte und beschränke mich andrerseits auf Hervorhebung des berechtigten Unter- schieds, der nach meiner Ansicht auch in Zukunft zwischen beiden Schulen weiter bestehen soll. Der wichtigste Unterschied bleibt die kleinere Stundenzahl, der Ausschluß der Heimatkunde und die stärkere Berücksichtigung des Schönschreibens auch in lateinischer Schrift. Im einzelnen darauf zurückzukommen, wird weiterhin pei Besprechung des Lehrplans für Sexta Gelegenheit sein. Die nach diesem Reformplan unterrichteten Vorschüler werden am Ende des dritten Jahres weniger grammatisch geschult, aber mehr geübt sein, auf die an sie gerichteten Fragen in zusammen- hängenden Sätzen zu antworten, auch auf Grund von behandelten Lesestücken oder Bildern selbst richtig formulierte und sinnvolle Fragen an ihre Mitschüler zu richten; sie werden in der Recht- schreibung einen etwas engeren Kreis peherrschen als seither, innerhalb desselben aber zu größzerer Sicherheit gelangen; sie werden mit weniger großen Zahlen rechnen, aber mehr Kenntnis von Münze, Maß und Gewicht haben, weil sie vorherrschend mit benannten Zahlen gerechnet haben; sie werden im Gebrauch der deutschen Schrift größere, in dem der lateinischen geringere Ubung haben als bisher.
Man könnte mir entgegenhalten, es sei doch viel einfacher, die Vorschule überhaupt ganz aufzuheben und die Volksschule an ihre Stelle treten zu lassen, da der Unterschied zwischen beiden nach dieser Reform doch nur ein sehr geringfügiger sein werde. Ich kann dem nur entgegenhalten, daß hier in Frankfurt die höhere Schule mindestens das gleiche Recht hat wie alle anderen Schulgattungen, den Lehrplan, nach welchem sie unterrichtet, bis zum ersten Anfang des Unterrichts herab ihren besonderen Zwecken entsprechend zu gestalten. Wenn schon die Mittelschule sich dieses Recht nicht nehmen läßt und pereits im ersten Schuljahre die Stundenzahl um 2 verkürzt(1 Religions- und 1 Rechenstunde), wer will es der höheren Schule streitig machen, die ihre Schüler nicht acht sondern zwölf Jahre lang festhält?


