Aufsatz 
Reform des Elementarunterrichts in der Vorschule und Abschluß dieses Unterrichts in der deutschen Sexta. Eine pädagogisch-kritische Studie
Entstehung
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standes vom 2. Schuljahre an überwiegend die formal bildende Seite des Sprachunterrichts, indem sie schon hier die Grammatik stärker heranzieht und im 3. Jahre auf eine systematische Be- treibung derselben hinarbeitet. Dadurch sieht sie sich bei ihrer beschränkten Stundenzahl ge- nötigt, die für Verstandes- und Gemütsbildung gleich wichtige Grundlage des Volksschulunterrichts, die Anschauung, vom 2. Schuljahre an mehr und mehr hintanzusetzen. Endlich legt sie größeres Gewicht auf Fertigkeit im Lesen, Schreiben, in der Orthographie und im Rechnen.

lIch bin nicht im Stande, mit Direktor Henke in Barmen in diesem Unterschied des Bildungsganges unserer Vorschüler einen Vorzug gegen den der Volksschüler anzuerkennen. Vielmehr bin ich der Ansicht, daß dadurch der wesentlichste Fortschritt, den die Erziehungslehre seit Comenius und Pestalozzi gemacht hat, den zukünftigen Schülern der höheren Schule in einer Weise verkümmert wird, die für die ganze weitere Entwicklung dieser Jugend nachteilige Folgen hat. Wenn dem nicht so wäre, dann mülte es zwei beste Methoden pPsychologisch-pädagogischer Erziehung geben, dann mütte die höhere Schule den Beweis liefern, daß für ihre Zwecke andere Voraussetzungen der Grundlegung des Unterrichts gelten als für die Volksschule. Jedenfalls hat die Regierung, indem sie der Vorschule das gleiche Ziel setzte wie den Unterklassen der Volks- schule, die Vorbildlichkeit der letzteren anerkannt in dem Sinne, in welchem sich neuerdings Arnold Ohlert) in seinem Buche»die deutsche höhere Schule« grundsätzlich für die Einheit des Lehrplans und die Einheit der Methode des Unterrichts an so wenig entwickelten Menschen- kindern, wie Vorschüler sind, ausspricht:»Sie müssen«, sagt er,»ganz gleichgültig, aus welchem Lebenskreise sie stammen oder auf welcher Schule sie sind, nach demselben Lehrverfahren unter- richtet werden, und dieses Lehrverfahren besteht eben in jener auf Anschauung fußenden, ent- wickelnden und begründenden Methode, welche in der Volksschule ihre Ausbildung erfahren hatæ. Gerade die höhere Schule, die ihre Schüler auf der Stufe der sinnlichen Anschauung empfängt, um sie über die Stufe der Abstraktion auf die des logischen Denkens zu erheben, und die ihren Schülern die Erlernung von mehreren fremden Sprachen zumutet, hat ein besonders leb- haftes Interesse daran, daß die in Sexta eintretenden Knaben vollen Anteil haben an der Fülle der Anschauungen, die der deutsche Unterricht der Volksschule ihren Schülern mitteilt. Denn diese Anschauungen bilden in der Seele die deutlichen und klaren Vorstellungen, durch deren Verknüpfungen, deutlich und bestimmt vollzogene und durch Ubung befestigte Associationen die Vorbedingung für ein gutes Gedächtnis, ein durch verfeinertes Sprachgefühl errungenes Sprach- bewubstsein und eine erfolgreiche Ausbildung des Abstraktionsvermögens und des logischen Denkens erworben werden. Der früher herrschende Irrtum, der auch Pestalozzi so viel zu schaffen machte ²), daß mit der Gewinnung der Wortform dem Kinde auch die dem Wort entsprechende Vorstellung ohne weiteres gegeben sei, hat der Erkenntnis Plat⸗= gemacht, daß ein wirkliches Verständnis erst eintritt, wenn der durch das Wort symbolisch bezeichnete Inhalt mit allen seinen Merkmalen gedacht wird. Klare und dauerhafte Vorstellungen kommen also nur zu Stande, wenn sie durch immer wiederholte Schärfung der sinnlichen Wahrnehmung genügende Nahrung empfangen. Bleibt diese Nahrung aus, so bleibt auch die Vorstellung dunkel, und diese Unklarheit schleppt das Kind in die späteren Jahre mit. Es gewöhnt sich daran, auf selbst erarbeitete Vorstellungen zu verzichten, und merkt nicht, daß es seine geistigen Kräfte dadurch herabmindert. Auch von der Muttersprache gilt das Goethesche»Was du ererbt von deinen Vätern hast, erwirb es, um es zu besitzen«. Nur wo das Erwerben durch Anschauung die

¹) A. Ohlert, die deutsche höhere Schule. Hannover, Carl Meyer 1896. p. 187 ff.

²) Raumer, Gesch. d. Pädagog. II. p. 329 ff. Wöhlerschule 1897. 2