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Herder wedte Goethes Seele auf, gab ihm tiefe Anregungen. Mie der Anblid des Straßburger Münfters plöglich den Aberglauben an das„gotifche“ Zeitalter, den die Aufklärung großgezogen hatte, zerjtörte und den Glauben an die Herrlichkeit der altdeutichen Zeit wachrief, jo deutete ihm Herder außerdem noch andere Ahnungen und Träume.!) Die echte Boefte ift nicht Eimftliche und erfünftelte Nach- ahmung, jondern eine große und die größte Naturgabe und eine innere Kraft, die fih Bahn brechen muß.„Ungebildete” Völfer, ein der da- maligen Zeit ungeheuerlicher Begriff, find produktiv, ja ihre jchöpferifche Anlage jchwindet mit der Zunahme der„Klugheit“, wie Nouffeau Ichon YJahre zuvor verfündet hatte, daß die Verftandesbildung, wo fie überhandnehme, ein Fluch für die Menjchheit jei. Goethe nennt fich in Dihtung und Wahrheit jelbjt ironisch auf diefer Stufe einen „Raturaliften“. Wie dies aufzufalfen ift, daß e3 nach der geläufigen Auffaffung des Begriffes nicht unbedingt zutrifft, werde ich im folgenden zu zeigen berjuchen.
Wir betrachten nun zumächit Goethes Dichtungen in diefer eriten Epoche ohne jedoch erichöpfende VBollftändigfeit, die nur zu Wieder: holungen führte, anzuftreben und im Anjchluß daran feine theoretischen Anfichten. ALS Beilpiele wählen wir die Mitfchuldigen, GB von Berlichingen, Werther, die Sugendlyrif und zwar fuchen wir jedesmal einen bejonderen Gefichtöpunft zu gewinnen. Die Mitfchuldigen(1768/69), teil in Leipzig teil in Frankfurt entftanden, verraten eine erftaunliche, ja erichredende Frühreife. In Dichtung und Wahrheit bejchreibt Goethe feine damaligen Gemütszuftände. Schon in Frankfurt hatte fih ihm der Einblid erichloffen„in die jeltfamen Jrrgänge, mit welchen die bürgerliche Gejellfchaft unterminiert ift. Neligion, Sitte, Gejeß, Stand, Berhältniffe, Gewohnheit, alle beherrjcht nur die Oberfläche des ftädtifchen Dafeind. Die von herrlichen Häufern eingefaßten Straßen werden reinlich gehalten und jedermann beträgt fich dafelbit anftändig genug; aber im Innern fiehl e3 öfter um defto wüfter aus ımd ein glattes Außere übertüncht, al3 ein Schwacher Bewurf, manches morjche Gemäner, das über Nacht zufammenftürzt und eine deito jchredlichere Wirkung hervorbringt, al3 e83 mitten in den friedlichen Zuftand herein- bricht."?) Man kan fich diefe Stimmung de3 faum zwanzigjährigen Goethe, die völlige Ernüchterung aus allen Jugendträumen, auch aus dem allgemeinen Widerwillen der Stürmer und Dränger gegen den äußeren PBrunf und die innere Hohlheit der gejellichaftlichen Verhält- nilfe erflären; die Perfonen de3 Dramas entiprechen jedenfall3 diefer
2) Dichtung und Wahrheit, B. 10.
2) Dichtung und Wahrheit, B. 7.


