Goethe und Schiller im Sturm und | Drang.
Man fann das Zeitalter der Aufklärung— ohne feine teilweise wohltätigen Wirkungen zu verfennen— eine Epoche der Erftarrung in Verftandesbegriffen, in fünftlerifcher Hinficht den Winter der Dichtung nennen. Was Leifing davon unterjcheidet, ijt eigentlich feine Erhebung über die Zeitrichtung. Aber die jüngere Welt war e3 endlich über- drüffig diefer Tebensabgewandten Theorie zu folgen. Von allen Seiten drängen neue Anregungen heran. Nouffeau mit feiner fentimentalen Schwärmerei hatte die Wege gebahnt, von England, dem„praftijchen“ Volfe, Fam die empiriftiiche Methode in der Philofophte. Man ge wöhnte fih daran von der Erfahrung, von Einzelfällen auszugehen und intereffierte fich fir die Nätjel der menfchlichen Natur, welche die bisherigen Vernünftler nicht gefannt hatten. Der topiiche Vertreter der Zeitideen, der Bhilofoph Wolff, hatte ja alle Geheimniffe erklärt, auch was man nicht mit dem Verftand allein„aufhellen“ fan. Die damaligen Menjchen, wie heutzutage die Halbgebildeten, fannten feine Melträtjel; für fie war alles far nach den Formeln, die man ihnen vorjegte. Shaftesbury, deilen Einwirfingen neuerdings bejonders DOsfar Walzel hervorhob!), entflammte die Jugend durch feine neue Definition des Genies:„ES gibt wohl Ichwerlich Schalere Menfchen auf der Erde al3 die, die wir Neueren jchon Dichter nennen, weil fie den Schellenflang der Sprache in ihrer Gewalt haben und unbefonnen und blindlings Wite und Phantafie verichiwenden.“ Man ift verfucht inne zu halten und dad Wort„wir Neueren“ zu unterftreichen. Dann fährt er fort:„Allein der Mann, der den Namen des Dichter3 wahr: haft verdient und der al3 ein wirklicher Baumeifter in feiner Art Menichen und Sitten jchildern und einer Handlung ihren wahren Körper,
ı) Goethes Werfe, Jubiliumsausgabe(Stuttgart, Cotta) Bd. 36. Einl.


