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wenn wir eine Erzählung wiederholen, ſo tritt die Form zurück zu Gunſten der begrifflichen Auffaſſung, die Erzählung verliert an Friſche und Farbenreichtum. Am nachhaltigſten wirkt die Verbindung einer ſolchen Erzählungsweiſe mit der geſchriebenen oder gedruckten Darſtellung der wichtigſten Momente aus der Erzählung, wie wir noch zeigen werden.
Die räumliche Anſchauung wurde im Altertum als ein wichtiges Hülfsmittel des Gedächtniſſes angeſehen und vielleicht war auch das räumliche Gehächtnis in früheren Zeiten ſelbſt bei den Erwachſenen ſtärker als gegenwärtig, wo die begriffliche Auffaſſung mehr gepflegt wird. Die Redner dachten ſich die Vorſtellungsmaſſen in Plätzen abgelagert, nach Straßen, Säulen, Niſchen geordnet, im Mittelalter dachten ſich die Prediger die einzelnen Teile der Rede an die Altäre der Kirche verteilt. Von den Plätzen forderte man, daß ſie hell und geräumig ſeien— eine Forderung, die in Wahrheit die Klarheit und Abgegrenztheit der räumlichen Anſchauung meinte.
Die Wahrnehmung durch das Auge iſt gewöhnlich mit einer Bezeichnung durch die Sprache, mit dem Wort verbunden. Bei der räumlichen Anſchauung tritt das Wort zu Gunſten der Vorſtellung zurück. In unſerm Bewußtſein tauchen bald Bilder auf ohne Namen, bald Namen und Bilder, bald nur Namen. Wenn wir in gleichgültiger Weiſe ſagen: Die Armee hatte 25,000 Tote und Verwundete— ſo entſteht in uns gewiß kein Bild des Schlachtfeldes, der Toten, der Verwundeten und des Chaos, das auf dem Schlachtfelde herrſcht, denn wir würden mit Schaudern bei dem Bilde verweilen. Der Knabe überſetzt: Cicero lebte in der Verbannung— der Lehrer ſetzt nicht immer ein Bild von dem betr. Vorgang voraus und darf es auch nicht immer dem Schüler zumuten, denn auch das abſtrakte Denken verlangt ſein Recht. Es können aber auch Bilder ohne den Namen in uns auftauchen. Wir ſehen Schneeberge vor uns, Gletſcher ſind zwiſchen ihnen eingebettet, wir ſehen Abgründe zu ihren Seiten— doch wir können uns gar nicht beſinnen, welche Landſchaft es iſt. Und hier ſind, wie bereits erwähnt, die größten Unterſchiede wahrnehmbar. Der eine ſieht bei der Nennung eines Namens das Anſchauungsbild klar und deutlich vor ſich; jeder neu auftauchende Begriff ruft neue Anſchauungsbilder von großer Treue hervor, bei dem andern entſtehen mehr Begriffe, die Anſchauungsbilder ſind nur ſchwach— auch darin zeigt ſich bei dem Kinde ein außerordentlicher Unterſchied. Das eine Kind ſieht in dem Geiſte den auf der Karte gezeichneten Flußlauf wieder vor ſich, das andere hat die Namen, die Richtung treu behalten, aber eine Anſchauung entſteht nicht in ihm. Viele Kinder ſtellen ſich die Reihen franzöſiſcher Wörter, die ſie lernen müſſen, in ihrer Anſchauung vor, ſie wiſſen ob ein Wort links oder rechts ſteht, oben oder unten— in ihnen aſſociiren ſich Anſchauungsbilder. Mit der Ein⸗ übung verliert ſich, wie öfters angedeutet, die Friſche der Anſchauungsbilder. Je öfter wir von einem Gegenſtand reden, deſto weniger ſtellen wir ihn uns innerlich vor— entre l'image vague et mobile suggérée par le nom et l'extrait précis et fixé par le nom il y a un abime. ¹)
Die Erziehung findet mit Recht eine Hauptſtütze des Gedächtniſſes in der anſchaulichen Vergegenwärtigung, in der deductio ad sensible, wie es lange vor Peſtalozzi Baco von Verulam genannt hat. Damit kommen wir zu der wichtigen Frage, welche Stellung die Schrift zum Gedächtnis hat.
Im engſten Zuſammenhange mit den Bedürfniſſen des Gedächtniſſes ſteht die Geſchichte der Schrift. Ehe die Schrift erfunden war, waren die Völker genötigt, allein dem Gedächtnis zu vertrauen— die fortſchreitende Entwicklung mußte ein gerechtes Mißtrauen gegen die Zuverläſſigkeit desſelben erwecken. Mit dem Gedächtnis verbindet ſich die Phantaſie und wir glauben vieles erlebt, geſehen zu haben, was wir vielleicht gar nicht, jedenfalls aber häufig nicht in der Weiſe erlebt haben, wie wir uns erinnern.
¹) Taine a. a. O. p. 37.


