Aufsatz 
Die Lehre vom Gedächtnis mit besonderer Berücksichtigung der kindlichen Entwicklung
Entstehung
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Die Schrift wurde weniger der gegenſeitigen Mitteilung wegen als im Dienſt der treueren Bewahrung der Vorgänge, der Einrichtungen und Geſetze erfunden ſie läßt ſich nicht vom Gedächtnis trennen. Ja ſie erhielt ihre Geſtalt zum Teil nach den Geſetzen, welche dem Gedächtnis zu Grunde liegen.Sehen wird durch zwei Augen dargeſtellt,kämpfen durch zwei Arme, der eine iſt mit einem Schild, der andere mit einer Streitaxt bewaffnet,Gerechtigkeit durch eine Straußfeder, weil alle Flügel des Straußes gleich ſind,Jahr durch einen Palmbaum weil der Palmbaum alle Jahre 12 Zweige treibt,Sohn durch eine Gans, weil ſich die Gans angehlich durch Elternliebe auszeichnet,König durch eine Biene, weil dieſe in einem monarchiſchen Staate lebt. Die Bilder verloren dann ihre Bedeutung als Bild und wurden bloße Zeichen für den erſten Buchſtaben, womit der vom Bild bezeichnete Gegenſtand anfängt, ſo mußte das Bild des Adlers zum Zeichen für a(altegyptiſch anom), das Bein für b(bhu ſtehen). ¹)

Plato meint, daß mit der Erfindung der Schrift das Gedächtnis ſchwächer geworden ſei. ²) Man muß jedoch bedenken, daß mit dem Fortſchritt der Bildung die Anforderungen an das Gedächtnis erhöht wurden, und daß durch Übung und Anſtrengung dasſelbe weſentlich verſchärft worden iſt. Aus einer Zeit, wo die Schrift ſchon längſt im Gebrauche war, werden uns ganz bedeutende mnemoniſche Leiſtungen mitgeteilt wir ſelbſt ſtellen Anforderungen an das Kind, welches ohne eine große Arbeitsleiſtung des Gedächtniſſes nicht erfüllt werden können.

Eine richtige Verwendung des Schreibens wird immer das Gedächtnis ſtärken. Wenn ich ein Wort, oder einen Satz bei Erlernen einer fremden Sprache niederſchreibe, nachdem er geſprochen worden iſt, ſo tritt, wie bereits angedeutet, eine anſchaulichere Vergegenwärtigung ein, als wenn er nur dem Gehör überlaſſen iſt. Ebenſo wird das Gedächtnis geſtärkt durch das Niederſchreiben der wichtigſten Momente aus einer Rede, die wir gehört haben oder ſelbſt halten wollen. Wenn das Schreiben mit Beſinnung und Veranſchaulichung verbunden iſt, ſo iſt es dem Gedächtnis vorteilbringend, iſt es aber mechaniſches Nachſchreiben oder erfolgt es nur im Intereſſe eines mechaniſchen Ableſens, ſo iſt es von höchſtem Nachteil. Nicht für einen Ruin des Gedächtniſſes darf man alſo das Schreiben halten, ſondern als eine notwendige Unterſtützung deſſelben. Kant ſagt:Mit der Schreibtafel in der Taſche ſicher zu ſein, alles was man in den Kopf niedergelegt hat, ganz genau nnd ohne Mühe wiederzufinden, iſt doch eine große Bequem⸗ lichkeit und die Schreibkunſt bleibt immer eine herrliche Kunſt, weil, wenn ſie auch nicht zur Mitteilung ſeines Wiſſens an andere gebraucht würde, ſie doch die Stelle des ausgedehnteſten und treueſten Gedächt⸗ niſſes vertritt, deſſen Mangel ſie erſetzen kann. ³) Kein Gedächtnis iſt ſo treu und ausgedehnt, daß es nicht der Unterſtützung bedürfte, einer Unterſtützung, in welcher zugleich eine Kräftigung liegt angeſichts des großen Materials, welches ihm beſonders der Unterricht zu bewältigen aufgiebt.

Kapitel III. Die Orientierung.

Wenn wir in einem Zimmer, in einem Hauſe ſtändig gewohnt oder uns doch häufig daſelbſt auf⸗ gehalten haben, ſo können wir uns auch im Dunkeln daſelbſt zurecht finden und mit größter Sicherheit uns in dem Raume bewegen, ſowie wir nur einen einzigen Anhaltspunkt dafür haben, wo wir

¹) Man ſehe darüber: Juſti, Geſchichte der orientaliſchen Völker iun Altertum. Berlin 1884.

²) Plato, Phädrus 275. Eine ähnliche Anſicht von dem Werte der Schrift für das Gedächtnis finden wir bei Baco von Verulam. Huber hat in ſeiner Schrift über das Gedächtnis ebenfalls ſein Bedenken gegen die Anſicht von derAbnahme des Gedächtniſſes geäußert. 3

³) Kant, Anthropologie in der Geſammtausgabe von Hartenſtein, Leipzig 1839, Bd. 10 p. 193.