Aufsatz 
Die Lehre vom Gedächtnis mit besonderer Berücksichtigung der kindlichen Entwicklung
Entstehung
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vor ihnen.»Je n'ai jamais joué une partie d'échecs«, ſo berichtet ein Schachſpieler an Taine, sans l'avoir rejoué seul quatre ou cind fois la nuit dans mon lit, la tete sur l'oreiller.

Paul Murphy ſpielte gleichzeitig acht Partien, Paulſen zwanzig. ¹)

Dieſe Virtuoſität weiſt freilich häufig auf eine einſeitige Ausbildung der Geiſteskräfte hin, die in der Einſeitigkeit eine ſtaunenswerthe Leiſtungsfähigkeit entwickelt. Geſichtseindrücke, die wir nur einmal gehabt, ſtehen meiſtens mit größerer räumlicher Intenſität vor uns, als die Bilder öfterer, vor allem der täglichen Wahrnehmung. Es iſt eine merkwürdige Thatſache, daß wir von den Gegenſtänden, welche wir täglich ſehen, kein farbiges Erinnerungsbild haben. Wenn wir uns einen Stuhl, einen Tiſch, einen Ofen im Gedächtnis vorſtellen, ſo iſt das Bild farblos, unbeſtimmt in ſeinen Umriſſen. Dagegen können wir, wenn wir eine Perſon nur ein einziges Mal geſehen haben, den Umriß der Form und den Geſichtsausdruck uns reiner zurückrufen, als wenn wir ſie acht- oder zehnmal geſehen haben. Taine führt dieſe Erſcheinung auf einen Streit der einzelnen Eindrücke zurück: ma mémoire oscille entre vingt expressions différentes, le sourire, le sérieux, le chagrin, le visage penché d'un côté ou d'un outre: ces différentes expressions se font obstacle; mon souvenir est bien plus net lorsque je n'en ai vu qu'une pendant une minute, lorsque bar exemple j'ai regardé une photographie ou une tableau(p. 148).

Gewiſſe Wahrnehmungen entſchwinden uns nicht mehr aus dem Gedächtnis und ein jeder verfügt über Erinnerungsbilder aus der früheſten Jugendzeit, die mit ſeltener Friſche vor ihm ſtehen, während wir uns kaum erinnern können, wie wir die allerjüngſte Vergangenheit durchlebt haben.

Taine berichtet, er kenne eine in einer kleinen Provinzſtadt geborene Perſon qui peut raconter avec la dernière exactitude toutes les circonstances d'une visite de l'impératrice Marie-Louise en 1811, dire sa toilette, les toilettes des dames et des jeunes filles chargées de la recevoir, entendre intérieurement le son de sa voix, revoir ses gestes, sa physionomie, les attitudes des personnes chargées de la complimenter et bien d'autres choses. ²)

Die erſte Eiſenbahnfahrt, der erſte Theaterbeſuch tauchen in einzelnen Bruchſtücken mit größter Klarheit vor uns auf doch alles vor⸗ und nachher Geſchehene können wir nicht mehr in's Bewußtſein zurückrufen..

Es will uns ſcheinen, daß für die Aufbewahrung von einzelnen Momenten in einem Vorgang, deſſen Zeuge wir ſind, ein Einklang der Formenverhältniſſe maßgebend iſt. Die Beleuchtung, die Stellung der handelnden Perſonen, der Blick über den Zuſchauerraum alles dieſes wirkte in einem Moment gleichzeitig und mit beſonderer Kraft auf uns, in ſolcher Kraft und Lebendigkeit, daß uns dieſer Moment nicht aus dem Gedächtnis kommt. Es tritt aber eine beſondere Steigerung der inneren Dis⸗ poſition hinzu, die Eindrücke aufzunehmen. Dieſe Steigerung der inneren Dispoſition wird bedingt durch die ſteigende Spannung, die Aufmerkſamkeit, die Verwunderung, welche die Vorgänge hervorrufen. Wahrſcheinlich werden wir immer bei ſolchen Erinnerungen aus unſerer Kindheit einen ſolchen Einklang der Formenelemente, verbunden mit beſonderen inneren Dispoſitionen entdecken.

Für die Eindrücke, die wir aus Erzählungen empfangen, iſt ebenfalls die Form in erſter Reihe maßgebend für die Erinnerung. Eine Erzählung, die in friſcher, lebendiger Weiſe in plaſtiſchen Umriſſen entrollt wird, bleibt oft in den kleinſten Details in der Erinnerung das geſprochene Wort bleibt eher in der Erinnerung des Kindes als das, was es nur gedruckt oder gar nur geſchrieben ſieht, denn das ge⸗ ſprochene Wort iſt unmittelbarer, lebensvoller und farbenreicher als das geſchriebene oder gedruckte. Doch

¹) Taine a. a. O. p. 80 ff. p. 91 ff. ²) Taine a. a. O. p. 131.