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Andrerſeits gewahren wir bei Kindern eine überaus langſame Anſchauungsthätigkeit. Das Kind bleibt zurück, weil es langſam anſchaut und ſchwer faßt— häufig werden aber ſolche Kinder zu brauch⸗ baren Menſchen. Denn das ſchwere Faſſen beruht häufig nicht auf einer Mangelhaftigkeit des Verſtandes, ſondern iſt nur eine allgemeine Dispoſition des Kindes, in Folge deren die Eindrücke der Sinneswelt nicht mit der Schnelligkeit aufgenommen werden, die wir erwarten. Sie werden nur langſam der Anſchauung und dem Gedächtnis übermittelt, aber deſto ſicherer.
Das richtige Sehen beruht mithin auf einer Anpaſſung der Sinnesorgane an den wahrzunehmenden Gegenſtand, auf der Erfaſſung deſſelben durch die Aufmerk⸗ ſamkeit, auf einer Wahrnehmung der einzelnen Teile und ihrer Zuſammenfaſſung zu einer Einheit. Dieſes iſt dem Kinde nicht von vornherein gegeben. Es irrt wohl von einem Gegenſtand zum andern, es ergötzt ſich an der Vielerleiheit und Buntheit, aber das Erfaſſen von Wahr⸗ nehmungen in ihren charakteriſtiſchen Merkmalen iſt nicht ſeine Sache. Nicht auf einmal und nicht von ſelbſt geſchieht letztere Thätigkeit. Das Kind ſieht meiſtens nur einen einzelnen Teil allerdings mit großer Genauigkeit, verweilt bei dieſem und ſpringt dann zu einem anderen Gegenſtande, um auch hier nur einen Teil wahrzunehmen, erſt allmählich gelangt es zur vollſtändigen Erfaſſung und zur vollſtändigen Wieder⸗ gabe. Soll es ſagen, welche Eigenſchaften es an einem Tiere wahrnimmt, ſo gibt es auffallend wenige Merkmale an. Das Kind muß deshalb zum Beſinnen angehalten werden, d. h. es muß genötigt werden, ſich zu erinnern, was es geſehen und gehört.
Wenn man ein Kind fragt, was es auf einem Spaziergange geſehen, ſo erhält man meiſtens eine dürftige Antwort, weil die wenigſten Kinder gewöhnt ſind, ſich das, was ſie ſehen, zu vergegenwärtigen. Sehr viele Kinder ſehen ungenau und flüchtig, und ihre Erinnerung entſpricht der Oberflächlichkeit ihrer Wahrnehmungen.
Kapitel II. Das räumliche Gedächtnis.
Unſer Gedächtnis für Erinnerungsbilder wurzelt ſomit in der Anſchauung, und wenn wir eine Vor⸗ ſtellung in uns erzeugen, ſo ſtellen wir gleichſam die Anſchauung durch eine innere Thätigkeit wieder her. Eine jede Anſchauung iſt aber ein Raumbild, und wir können daher in einem allgemeineren Sinne von einem räumlichen Gedächtnis ſprechen als dieſes gewöhnlich geſchieht. Gewöhnlich verſteht man unter Raumgedächtnis eine Fähigkeit, Gelerntes ſich räumlich vorzuſtellen. Es gibt Redner, welche bei ihrer Rede im Geiſte die Seite ihres Manuſcripts und die einzelnen Zeilen und Worte räumlich ſehen, Kinder ſehen die Seite und den Abſchnitt der Seite vor ſich, auf welcher das Gelernte ſteht; ſie ſchreiben die Zahlen der Rechnung, welche ſie im Kopfe rechnen ſollen, gleichſam im Kopfe untereinander, und führen in derſelben Weiſe die Rechnung aus, während der Erwachſene häufiger die Stellen nach ihrem Werte von Einern, Zehnern, Hunderten u. ſ. w. zergliedert und die Rechnung ſucceſive ausführt, ohne daß er eine innere Anſchauung der Ziffern hat.
Im Allgemeinen treten bei dem Erwachſenen die räumlichen Erinnerungsbilder zu Gunſten des begrifflichen Denkens zurück; es gibt Perſonen, die jede Fähigkeit für räumliche Erinnerung verloren haben, doch verfügen manche Perſonen auch im vorgeſchrittenen Alter über eine große Klarheit räumlicher Vergegenwärtigung. Die Berufsart ſcheint hierbei von beſonderem Einfluß zu ſein. Der Rechenkünſtler ſieht die ganze Gruppe in ſeiner Einbildungskraft deutlich vor ſich, wie einige unter ihnen ſelbſt berichten. Schachſpieler ſpielen eine Partie Schach aus dem Kopfe oder beſſer geſagt, im Kopfe. Sie ſehen das Schachbrett mit allen ſeinen Feldern und Figuren gleichſam in einem inneren Spiegel; es genügt
ihnen, einen Blick auf das Schachfeld zu werfen, und dasſelbe ſteht in allen Details dann fortwährend 4


