Aufsatz 
Die Lehre vom Gedächtnis mit besonderer Berücksichtigung der kindlichen Entwicklung
Entstehung
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das Gefühl, daß unſer Auge ſie erſt in ihren einzelnen Teilen erfaſſen muß, um ein richtiges Bild zu erhalten. Jeder einzeln angeſchaute Teil wird dem Gedächtnis überliefert, das Auge kehrt, nachdem es alle Teile durchmuſtert, wieder zurück und durchläuft die Teile von neuem, und indem die dem Auge entſchwindenden Teile uunmehr angeeignet ſind, ſetzt ſich aus der Wiedererneuerung derſelben das Geſammt⸗ bild zuſammen. Das Geſetz, daß nach der Verknüpfung von Vorſtellungen eine Vorſtellung die andere hervorruft, muß auch für die einzelnen Teile einer Vorſtellung gelten und ſo erneuert ſich durch die neue Reizung Seitens eines Teiles der Wahrnehmung die übrige Reihe.

Einen Beweis für dieſe Lehre erblicken wir in der Illuſion, welche die Bühne in uns hervorruft. Wenige Pinſelſtriche genügen und das Bild einer Landſchaft ſteht vor uns die einzelnen wahrgenom⸗ menen Teile riefen das Geſammtbild hervor.

Zu dieſem Geſetz geſellt ſich auch hier das Geſetz der Uebung und Wiederholung ¹), welches uns lehrt, daß eine zuerſt nur langſam ausgeführte Reihe von Bewegungen endlich nur bei geringem Reiz und mit ſolcher Schnelligkeit eintritt, daß ſie uns blitzartig und automatiſch ſcheinen. Ferner müſſen wir das ebenfalls von uns erwähnte Gefetz in Betracht hinzuziehen, daß eine oft wiederholte und angewendete Vor⸗ ſtellung und Wahrnehmung ärmer an Aufmerkſamkeit erregenden Beziehungen wird, dafür aber an Üüber⸗ ſichtlichkeit, Beweglichkeit und Vermehrungsfähigkeit gewinnt.

Wenn wir über einen freien Platz in einer Großſtadt gehen, auf welchen viele Straßen münden, der eine Menge reich ausgeſtatteter Läden beſitzt, auf welchem ferner der lebhafteſte Verkehr von Fuß⸗ gängern und Wagen herrſcht ſo erhalten wir anfänglich nur einen unbeſtimmten und ganz allgemeinen Eindruck von dem bunten Bilde auf demſelben. Aber je öfter wir über dieſen Platz gehen, deſto deut⸗ licher wird das Bild, das wir nun mit immer größerer Schnelligkeit beim Anblick dieſes Platzes erhalten, die Läden, die glänzenden Schilder und Aufſchriften an den Häuſern wie die Perſonen wir überſehen ſie mit einem Schlage, und ſelbſt kleinere Veränderungen bemerken wir faſt augenblicklich Unſer Sehen hat in der That genau dieſelbe Arbeit vollzogen wie die Muskeln beim Klavierſpiel, nur iſt die Aufeinander⸗ folge der einzelnen Vorgänge noch ſchneller als die bei der Thätigkeit der Muskeln beim Klavierſpiel.

Beobachtet man bei ſchwächeren Kindern, bei denen auch das Gedächtnis ein mangelhaftes iſt, die Sehthätigkeit, ſo findet man häufig, daß man erſt dieſe erziehen muß, um die Denkthätigkeit anzuregen.

In dem Sehen mancher Kinder herrſcht die Reflexthätigkeit vor, d. h. innere Reize bewirken eine Unruhe des Auges, die häufig mit der für die Entwicklung des Verſtandes ſo ſchätzenswerten Neugier verwechſelt wird. Die Außenwelt geht gerade an dieſen meiſt auch in ihrer ſonſtigen Haltung beweglichen Kindern ohne die Einwirkung vorüber, welche für eine fortſchreitende Entwicklung des Kindes geboten iſt. Ein jeder Eindruck muß eine gewiſſe Stärke haben und um dieſe zu erreichen, muß er eine gewiſſe Zeit im Blickfelde, ſpeziell im Blickpunkte, verweilen. Oft iſt aber die innere Organiſation des Kindes eine ſolche, daß das Auge ſich in zu großer Unruhe befindet, als daß ein Eindruck mit der hinlänglichen Stärke zur Geltung kommt. Ein lebhaftes Auge ſehen wir immer lieber als ein blödes, und gewiß hat dieſe Vorliebe auch ihre Berechtigung. Nichts täuſcht aber mehr als ein Rückſchluß auf den Verſtand, denn die Lebhaftigkeit des Auges iſt häufig nur das Zeichen einer Reflexthätigkeit, mit welcher das Bewußtſein nichts gemein hat. Dem Lernen iſt dieſe Lebhaftigkeit oft geradezu verderblich, denn es findet trotz der⸗ ſelben, oder richtiger infolge der inneren Unruhe, keine geregelte Denkthätigkeit ſtatt. Man ſagt gewöhnlich: das Kind denkt an Nebendinge, es iſt zerſtreut in Wahrheit denkt es gar nicht, ſondern es tauchen in ihm nur Bruchſtücke von Vorſtellungen flüchtig und unklar auf.

¹) Die große Bedeutung desſelben für das Sehen hebt beſonders Helmholtz hervor(ſ. phyſiologiſche Optik, Leipzig 1867, p. 431), von deſſen Theorie über die Geſichtswahrnehmungen wir hier ausgehen.