Aufsatz 
Die Lehre vom Gedächtnis mit besonderer Berücksichtigung der kindlichen Entwicklung
Entstehung
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II. Das apperreptive Gedächtnis

Kapitel I.. Das Gedächtnis und die Geſichtswahrnehmungen.

Die umgebende Außenwelt tritt an den in der Entwicklung begriffenen Geiſt weder mit ihrem ganzen Umfang und Inkhalt noch mit der Stärke des Eindrucks oder der Klarheit der Anſchauung heran, die der Menſch im ſpäteren Leben beſitzt. Nur vereinzelt und langſam wirken einzelne Gegenſtände auf das Bewußtſein ein, nur allmählich unterſcheidet das Kind die einzelnen Beſtandteile ſeiner Sinneswahr⸗ nehmungen, in demſelben Maße lichtet ſich das Dunkel, durch welches die Welt dem Kinde ſich verhüllt.

Es ſind zunächſt uur ſehr wenige Eigenſchaften und Vorgänge die durch das Taſtgefühl, durch Druck und Stoß, durch Licht und Farbeempfindunge, Bewegungsempfindungen, Geräuſche in dem Kinde Bewußtſeinsvorgänge hervorrufen, die mit den Elementargefühlen der Luſt und der Unluſt combiniert erſcheinen. Automatiſche Bewegungen, Triebbewegungen, reflectoriſche Reize und primitive Luſt⸗ und Schmerz⸗ empfindungen ſind die erſten Außerungen des pſychiſchen Lebens.

Auch für die allmähliche Entwicklung des Bewußtſeins kommt das Geſetz der Uebung als weſentlich in Betracht, denn bei jeder neuen Wahrnehmung vermehrt ſich die Stärke des Eindrucks und der Inhalt der Anſchauung, ſo daß eine zuerſt nur ſchwache und dürftige, dann aber immer ſtärker werdende Vorſtellung entſteht. Das Kind lebt zunächſt nur in unmittelbarer Wechſelwirkung mit der Außenwelt und erſt allmählich entſtehen in ihm Erinnerungsbilder früherer Wahrnehmungen in der Weiſe, daß wenn ein Gegenſtand von neuem auf es wirkt, auch die Erinnerung an den früheren Anblick in ihm auftaucht, dann erſt tauchen Vorſtellungen ſelbſtändig auf.

Um dieſes zu erläutern, müſſen wir auf die Wahrnehmungsthätigkeit eingehen und wählen hierzu die Geſichtswahrnehmung. Beim Sehen handelt es ſich zunächſt um die Accomodation des Auges. Es bedarf der Einſtellung eines Gegenſtandes in den Blickpunkt, d. h. in den Centralpunkt des Auges, welcher wegen der gelblichen Färbung, die er zeigt, der gelbe Fleck oder auch die Centralgrube heißt. Dieſes Sehen iſt das direkte Sehen, alle ſeitlich gelegenen Bilder werden indirekt geſehen. Das Auge entwirft willkürlich mit einer gewiſſen Anſtrengung durch Veränderung ſeiner optiſchen Konſtanten ſcharfe Netzhautbilder der Gegenſtände; dieſe Thätigkeit des Auges nennen wir die Accomodation. Fixiren wir einen Gegenſtand, der in der Nähe iſt, ſo erſcheint ſcharf ein Bild auf der Netzhaut und zwar auf der Centralgrube des gelben Flecks, die entfernteren Gegenſtände erſcheinen undeutlich; fixiren wir aber einen entfernteren, ſo erſcheinen die näheren Gegenſtände undeutlich auf der Netzhaut.

Es kommt ferner für unſeren Zweck in Betracht die Augenbewegung.Das Auge bewegt ſich auf ſeinem in die feſten Wände der Augenhöhle eingeſchloſſenen Polſter von organiſchem Gewebe wie ein kugeliger Gelenkkopf in ſeiner Pfanne. Die weſentlichen Augendrehungen ſind Drehungen um einen fixen Mittelpunkt. ¹) Der Zuſtand der Aufmerkſamkeit ſetzt voraus, daß das Auge die Bewegungen vornimmt, welche für das genaue Sehen nötig ſind.

Wenn wir nun einen Gegenſtand ſehen, ſo handelt es ſich immer darum, ihn in ſeinen einzelnen Teilen mit Hülfe der Augendrehungen zu durchlaufen und dann die einzelnen Teile zuſammenzufaſſen. Bei den Dingen der gewöhnlichen Umgebung ſcheint uns dieſes freilich nicht der Fall zu ſein, ſie ſtehen urplötzlich da. Bei ungewöhnlichen und zuſammengeſetzten Erſcheinungen haben wir aber ganz deutlich

¹) Ranke, Phyſiologie, 3. Auflage, p. 729. 743.