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ſenſoriſches und apperceptives Gedächtnis den beiden Erſcheinungsformen des Bewußtſeins: als ein bloßes Aufnehmen(Reception) und als Beziehung des Selbſtbewußtſeins zu dem Aufgenommenen(Apperception), mithin dürfte dieſer Einteilung eine innere Berechtigung nicht abzuſprechen ſein.
Abſchnitt III. Die Arten des Gedächtniſſes.
I. Das ſenſoriſche Gedächtnis.
Unter ſenſoriſchem Gedächtnis verſtehe ich die Form der Aneignung, bei welcher das Bewußtſein in einem paſſiven Zuſtand iſt. Dieſes gilt ſowohl von der Auf⸗ nahme der Sinneseindrücke als von der Erneuerung derſelben.
Zur Klaſſe des ſenſoriſchen Gedächtniſſes rechne ich die Erneuerung von Empfindungen des Geruchs⸗ und des Geſchmacksorgans, die Empfindungen des Muskelsgefühls, der Druckempfindungen, der Temperatur⸗ empfindungen, inſofern eine von den Sinneseindrücken unabhängige Erneuerung derſelben möglich iſt. Bei den Geſchmacks⸗ und Geruchsempfindungen ſcheint uns dieſes inſofern möglich zu ſein, als ſchon der Anblick einer Speiſe, ja ſelbſt die bloße Vorſtellung derſelben eine Empfindung hervorrufen kann. Auf dieſe Weiſe ſind Sinnestäuſchungen in Bezug auf das Haut- und Muskelgefühl zu erklären— wir glauben einen Schmerz ſchon bei der bloßen Erinnerung an das betr. Ereignis wieder zu empfinden.
Zu den Außerungen des ſenſoriſchen Gedächtniſſes gehört mithin die Erneuerung derſelben Gefühle bei dem Wiederbewußtwerden von Vorſtellungen, die wir bei der Wahrnehmung bildeten. Die Erinne⸗ rung an eine Enttäuſchung erfüllt uns mit Bitterkeit, die Erinnerung an einen Erfolg erfüllt uns wieder mit Freude; beide wirken von neuem auch auf unſer körperliches Befinden. Auch dieſe Erinnerungen
verblaſſen ſo gut wie die einzelnen Vorſtellungen.
Wir werden zu dieſer Art der Erinnerung die Wirkungen der körperlichen Strafe rechnen, welche dazu beſtimmt iſt, den Menſchen vor einer Wiederholung ſeiner tadelnswerten Handlung ab⸗ zuhalten. Ob ein Kind bei dem Anblick eines Obſtbaumes, den es um einige Apfel beraubt, die Schmerzen der Schläge, die es für ſeine That empfangen, wieder empfindet? Wir glauben, daß die körperliche Strafe in ſo ſtarkem Maße gegeben ſein müßte, um eine Wiedererneuerung des Schmerzgefühls hervorzurufen, daß unter allen Umſtänden eine derartige körperliche Züchtigung eines Kindes auszuſchließen iſt. Zur Beſſerung eines Kindes kann ſie alſo nicht dienen, da dieſem doch eine heftige körperliche Züchtigung erſpart bleiben ſoll, eine ſchwache körperliche Züchtigung aber jedenfalls keine Schmerzerneuerung zur Folge hat.
Zu dem ſenſoriſchen Gedächtnis rechne ich ferner die Erneuerung farbiger Geſichtsbilder. Bei Kindern ſcheint dieſe Art des Gedächtniſſes allgemein zu ſein, doch im ſpäteren Leben verlieren viele Perſonen die Gabe, ſich eine Farbe vorzuſtellen, völlig, namentlich Gelehrte, die abſtrakte Wiſſenszweige verfolgen. Bei Malern iſt dieſe Art des Gedächtniſſes ſelbſtverſtändlich am häufigſten entwickelt. Auch die Erinnerung von Tönen, die oft mit wunderbarer Beharrlichkeit tagelang uns umgaukeln, gehört zu den Erſcheinungen des ſenſoriſchen Gedächtniſſes.
In Hinſicht auf die Erneuerung der Vorſtellungen, trägt das ſenſoriſche Gedächtnis den Cha⸗ rakter der Zufälligkeit. Dieſe erkennen wir an der Erneuerung der Vorſtellungen im Traum, im Fieber, in den Störungen des Bewußtſeins und auch in dem Spiel der Phantaſie, wenn dieſe ohne Regelung durch unſern Willen ſich dem zufälligen Auftauchen der Vorſtellungen hingiebt.


