Aufsatz 
Die Lehre vom Gedächtnis mit besonderer Berücksichtigung der kindlichen Entwicklung
Entstehung
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Apperception. Jedoch müſſen wir bei dieſer zweiten Art des Verhaltens unſeres Bewußtſeins noch den Zuſtand unterſcheiden, in welchem wir nur aufmerkſam ſind, ohne eine weitere Bearbeitung des Wahr⸗ genommenen in unſerm Bewußtſein vorzunehmen, etwa wie wir den Anblick einer Landſchaft in uns auf⸗ nehmen; wir nennen dieſen Zuſtand Aufmerkſamkeit oder einfache Apperception, oder wir nehmen mit dem Wahrgenommenen eine Bearbeitung vor, beziehen es auf andere Wahrnehmungen, auf Vorſtellungen und es entſteht eine Ideenaſſociation. Dieſe Thätigkeit iſt die verbindende Apperception.

Bei dem rein receptiven Zuſtand ſind unſere Sinne vorzugsweiſe beteiligt und das Bewußtſein tritt zurück. Ein Lichtſtrahl, ein Schall, hat nur den Wert eines reflek⸗ toriſchen Reizes, d. h. er veranlaßt ein Zucken der Muskeln, aber einen Wert hat er für das Bewußtſein erſt dann, wenn es ſich der Quelle zuwendet, aus welcher er ſtammt. Eine Menge Menſchen begegnen uns auf der Straße und gleiten an uns vorüber, wir ſehen ſie und achten nicht auf ſie, aber in einem ſpäteren Zeitpunkt erſcheint in uns ein Erinnerungsbild von einer Perſon, die wir damals geſehen. Wir können uns zwar nicht mehr genau erinnern, wo wir ſie geſehen, doch eine bleibende Nachwirkung hat auch dieſer Eindruck hervorgerufen, den wir einſt gar nicht beachtet. Gegen eine Menge von Eindrücken ver⸗ halten wir uns rein negativ, denn ſie ſind für uns ſo wertlos, daß ſie unſere Aufmerkſamkeit nicht erregen. Das Zurückbleiben ſolcher Eindrücke hängt nur von ſenſoriſchen Bedingungen ab, d. h. davon, ob ſie die Sinnesorgane in einem Zuſtande trafen, der für ihre Aufnahme geeignet war, ihre Aneignung iſt daher eine ſenſoriſche.

Ebenſo hängt die Erneuerung ſolcher Eindrücke von ſenſoriſchen Bedingungen ab und wir ſehen daher ſolche Eindrücke beſonders im Traum, im Fieber, überhaupt in Zuſtänden, in welchen das Bewußt⸗ ſein von körperlichen Vorgängen bedeutend beeinflußt iſt, hervortreten. Demnach wäre das Gedächtnis in ein ſenſoriſches und in ein apperceptives einzuteilen und dieſe Einteilung dürfte dem thatſächlichen Hergang ſowohl bei der Aneignung als bei der Erneuerung entſprechen. Ich verlaſſe damit die bisherige Einteilung des Gedächtniſſes in ein logiſches und in ein mechaniſches, neben welcher oft auch ein ingeniöſes Gedächtnis angenommen wird. Die folgende Ueberlegung dürfte noch weiter darthun, wie einſeitig dieſe Einteilung iſt.

Die Einteilung in ein logiſches, mechaniſches und ingeniöſes Gedächtnis entſtammt der Lehre vom Memorieren und in der Beziehung auf das Memorieren hat ſie Kant in ſeiner Anthropologie entwickelt. Sie findet ſich bereits vorgezeichnet in der Art, wie Quintilian die Kunſt des Lernens behandelt und entwickelte ſich allmählich in den mnemotechniſchen Büchern vom 16. Jahrhundert an. Von Kant hat ſie die neuere Pſychologie entlehnt und dieſe iſt im Großen und Ganzen auch dieſer Einteilung treu geblieben. In einigen Werken iſt das ingeniöſe Gedächtnis weggelaſſen und gewiß mit Recht, denn dieſes iſt nur die Kunſt, das Gedächtnis zu unterſtützen, keine Art des Gedächtniſſes ſelbſt.

Das mechaniſche Gedächtnis nimmt nach der gewöhnlichen Erklärung die Eindrücke nach ihrer zeit⸗ lichen und räumlichen Ordnung auf, und gibt ſie genau in dieſer Ordnung wieder. Häufig findet man die Anſicht, daß die mechaniſche Aneignung eine verſtändnisloſe Aneignung ſei, doch dieſe Meinung iſt irrig und ſchädlich, die mechaniſche Aneignung kann nicht allein mit Verſtändnis gepaart, ſie ſoll es auch ſein. In der logiſchen Aneignung verſchmelzen die einzelnen Teile, nachdem wir ſie oft behufs beſſeren Verſtändniſſes zerlegt, zu einer Geſammtvorſtellung, aus welcher wir durch die rückläufige Erinnerung die einzelnen Teile wieder erneuern dem Sinne nach, doch nicht dem Worte nach.

Dieſe Einteilung berückſichtigt alſo nur die abſichtliche Aneignung von Wiſſen, entſpricht alſo nicht der großen Mannigfaltigkeit, den vielfachen Abſtufungen, nach welchen wir Eindrücke aufnehmen und nach welchen wir ſie in uns erneuern ſehen. Dagegen entſpricht die von uns vorgeſchlagene Einteilung in