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empfinden Kinder oft nach Jahren eine paniſche Furcht vor Tieren, von denen ſie in zarter Kindheit ein Leid erfahren, ſo bewirkt oft ſchon der bloße Name einer ſchreckhaften oder verderblichen Erſcheinung eine Verwirrung, die oft lange keinen andern Eindruck zuläßt. Die Fähigkeit der Aneignung und die Form der Erneuerung hängt ſomit von einem allgemeinen Zuſtand des Bewußtſeins ab, und die beſte Kunſt der Erziehung ſcheitert in ihren Bemühungen, wenn ſie nicht in dem Kinde jenen Zuſtand des Gleichgewichts findet, der die Bedingung der Aneignung iſt.
Da alle Eindrücke, welche wir in uns aufgenommen haben, nach Erneuerung ſtreben und in dem Zuſammenhang ſich erneuern würden, in welchen ſie aufgenommen wurden, ſo bedarf es einer Hemmung: ſowohl um die Vorſtellungen niederzuhalten die nicht in den geregelten Verlauf der Gedanken gehören als auch um die Vorſtellungen, welche in's Bewußtſein getreten ſind, wieder aus demſelben treten zu laſſen.
Die Hemmung bewirkt ſomit das Vergeſſen, das Entſchwinden einer Vorſtellung aus dem Bewußtſein. Ob ein Eindruck dauernd aus unſerm Bewußtſein entſchwunden iſt, können wir nie wiſſen, er kehrt oft urplötzlich zurück, nachdem wir ſchon der Meinung waren, daß er für uns verloren ſei. Die Stärke der Hemmung bewirkt oft ein Vergeſſen der ſchmerzhafteſten und ſchmerzlichſten Empfindungen. So ſoll Pascal ſich an die Löſung des Problems des⸗ Cycloids gemacht haben, um ſeine Zahnweh zu vergeſſen. Oft bemerken Soldaten in der Hitze des Kampfes nicht daß ſie verwundet worden. Archimedes überhörte das Getümmel bei der Erſtürmung der Stadt. Daß Arbeit das beſte Mittel iſt, ſchmerzliche Erinnerungen in uns zu verwiſchen, iſt ein altbewährter Satz und die beſte Kunſt, in einem Kin de Erneuerung von Gewohnheiten und moraliſchen Fehlern zu verhüten, iſt die Kunſt es geeignet zu beſchäftigen und anzuregen.
2. Leidendes und thätiges Verhalten. Veceptivität und Apperception.
Unſer Bewußtſein kann ſich ſowohl an der Aneignung als an der Erneuerung pſychiſcher Ereigniſſſe in verſchiedenen Abſtufungen beteiligen, doch unterſcheiden wir in dieſen zwei Grundformen: entweder iſt unſere Seele paſſiv bei der Aneignung(receptiv), auch die Erneuerung iſt durch eine zufällige Einwirkung entſtanden, oder ſie merkt auf und die Sinnesorgane werden von uns abſichtlich in eine Lage gebracht, um Wahrnehmungen zu machen(Anpaſſung der Sinneswerkzeuge an die wahrzunehmenden Gegenſtände) und wir beziehen die Wahrnehmungen aufeinander und ſuchen abſichtlich eine Erneuerung der Eindrücke herbeizuführen. Dieſe zweite Art unſeres Verhaltens nennen wir die
¹) Den Begriff der Hemmung in die Pſychologie eingeführt zu haben, iſt ein bleibendes Verdienſt Herbarts Er geht von der Annahme aus, daß alle Vorſtellungen in der Seele fortdauern, jedoch nur in der Form eines Strebens wieder bewußt zu werden. Die Vorſtellungen werden aus dem Bewußtſein verdrängt, indem entgegengeſetzte Vor⸗ ſtellungen ſich hemmen und die eine von der andern in ihrer Stärke herabgemindert oder gänzlich aus dem Bewußt⸗ ſein verdrängt wird. Wenn die Hemmung aufgehoben iſt, tritt die verdrängte Vorſtellung wieder in's Bewußtſein. Wenn nun mehrere Vorſtellungen mit einander verbunden ſind und zwar nach einer gewiſſen Abſtufung, ſo wird dieſe ganze Verbindung durch die hemmende Vorſtellung verdrängt— iſt die Hemmung beſeitigt, ſo tritt jene verdrängte Vorſtellung wieder in's Bewußtſein und hebt die mit ihr verbundenen Vorſtellungen gleichzeitig mit ihr empor. Auf dieſen abgeſtuften Verſchmelzungen, die in's Bewußtſein gehoben werden, beruht nach Herbart der Mechanismus des Gedächtniſſes.(Herbart nennt das Gedächtnis die treue Reproduktion, ſofern es uns Reihen von Vorſtellungen in der nämlichen Ordnung und Folge wiederbringt, wie dieſelben waren aufgefaßt worden(ſ. ſeine Pſychologie Bd. V. der Hartenſtein'ſchen Ausgabe p. 26). Daher iſt es durchans im Sinne Herbarts, wenn ſeine Schule das Gedächtnis nichts anders als das Vermögen der unveränderten Reproduktion nennt und als ſeine vorzüglichſte Eigenſchaft die Treue bezeichnet, mit welcher es das Gemerkte ſo wiedergiebt, wie es urſprünglich da war.(Lindner, Lehrbuch der empiriſchen Pſychologie, Cilli 1858 p. 77)..


