Aufsatz 
Die Lehre vom Gedächtnis mit besonderer Berücksichtigung der kindlichen Entwicklung
Entstehung
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Unſere Gewohnheiten beſtehen ebenfalls aus Handlungen, die urſprünglich mit Bewußtſein gepaart waren; wir haben nicht nöthig auseinander zu ſetzen, daß dieſe Handlungen derartig automatiſch werden, daß wir Angewöhnungen nicht bemerken und ſie trotz unſeres guten Willens nicht mehr abgewöhnen können.

Auch die Bildung als das Reſultat einer Summe von Kenntniſſen gehört zu den Erſcheinungen, die auf organiſchem Gebiete eine Verwandtſchaft zeigen. Nicht alle Kenntniſſe werden im Bewußtſein auf⸗ bewahrt, eine große Anzahl derſelben geht verloren, und doch entſteht aus denſelben, aus der jahrelangen Beeinfluſſung des Bewußtſeins durch die mitgeteilten Kenntniſſe ein veränderter Allgemein⸗Zuſtand, der ſich ſelbſt in der äußeren Erſcheinung eines Menſchen zeigt.

Doch gerade hier zeigt ſich wieder die Unzulänglichkeit der einſeitigen Ableitung des Gedächtniſſes aus organiſchen Vorgängen. Denn wenn wir annehmen müßten, daß ein jeder Eindruck neben dem andern in den Centralorganen abgelagert würde, ſo ließe ſich niemals jene Durchdringung und Verſchmelzung der Empfindungen und der Vorſtellungen erklären, die wir als beſonders charakteriſtiſch für die Erneuerung im Bewußtſein anſehen müſſen.

Wir glauben, daß ein weiterer Beweis für die Anſicht, daß das Gedächtnis nur auf Bewußtſeins⸗ vorgänge zu beziehen iſt, darin liegt, daß die eingeübten Bewegungen ſofort ataktiſch werden, alſo in regelloſe übergehen, wenn eine Störung an beſtimmten Stellen der Centralorgane erfolgt, alſo von einemMuskelgedächtnis nicht geſprochen werden kann, welches für die Bewegungen beſtehen ſoll. Durch die Central⸗Organe wirkt das Bewußtſein auf den Organismus ein und empfängt von ihnen die Anregung zu den Leiſtungen des Denkens und Wollens, doch je weiter unſer Forſchen dringt, deſto räthſelhafter erſcheint die Wechſelwirkung zwiſchen den Central⸗Organen und den Bewußtſeinszuſtänden und nur die eine überzeugung iſt es, die wir mit größter Sicherheit erlangen: daß eine Erklärung

des Seelenlebens durch rein mechaniſche Vorgänge unmöglich iſt.

Kapitel II. Von den Bedingungen der bewußten Aneignung. 1. Der Zuſtand der Beſonnenheit. Die Hemmung.

Die Eindrücke, die wir in uns aufgenommen haben, würden ſich in regelloſer Weiſe in unſerm Bewußtſein erneuern, wenn dieſes nicht in einem Zuſtande wäre, d urch welchen ſie ihren geregelten Verlauf nehmen können. Dieſer Zuſtand läßt ſich mit dem des Gleichgewichts des Körpers vergleichen, nach deſſen Aufhebung die Bewegungen nicht mehr in ihrer Regelmäßigkeit und Sicherheit ausgeführt werden können. Den Zuſtand des Gleichgewichts nennen wir für das Bewußtſein die Beſonnenheit, er iſt die erſte Bedingung der Aneignung. Das Gegenteil von Beſonnenheit iſt die Zerfahrenheit und dieſe wirkt auf das Gedächtnis zerrüttend. Die Beſonnenheit beruht darauf, daß nur Eindrücke aufgenommen werden, welche den Denkgeſetzen gehorchen, und daß ein Wechſel in dem Vorſtellungsverlauf ſtattfinde, der unter der Herrſchaft des Denkens ſteht. Die aufſtrebenden Erneuerungen werden in dieſem Zuſtande von der Seele zurückgewieſen oder angenommen und verwertet, um dann von andern Einwirkungen verdrängt zu werden. In dem geregelten Vorſtellungsverlauf findet eine Beziehung der Eindrücke aufein⸗ ander ſtatt, die den Geſetzen und Thatſachen der Wahrnehmung entſpricht. Der ungeregelte Verlauf iſt entweder überhaupt zuſammenhanglos oder widerſinnig. Die Vorſtellungen tauchen auf, ohne daß ſie durch die Gewalt des Willens, durch das Urteil des Verſtands eine Lenkung erfahren. Oft allerdings wirkt ein Eindruck ſo mächtig, daß er dieſen geregelten Verlauf aufhebt oder unterbricht und die Erinnerung an ein Ereignis hat meiſtens die Aufhebung der Beſonnenheit von neuem zur Folge. So