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Eine Wechſelwirkung zwiſchen Organismus und Bewußtſein iſt jedoch nicht zu verkennen, andererſeits ähneln Erſcheinungen des Bewußtſeinsverlaufs den Prozeſſen in der organiſchen Welt. Wenn eine Vorſtellung wiederholt in mir erſcheint, ſo tritt ihr Inhalt für das Bewußtſein mehr und mehr zurück. Ich ſpreche von einem Sturme auf dem Meere, von einem Schiffbruch, ohne in mir das Bild eines Sturmes, eines Schiffsbruchs immer wieder zu erneuern. Ich leſe, daß ein Haus, ein Garten, zu verkaufen iſt— das Bild derſelben taucht vielleicht flüchtig vor mir auf, doch häufig leſe und ſpreche ich weiter, ohne daß ſelbſt ein ſchwaches Bild von ihnen in mir entſteht.
Wie anders ſieht das Kind den Einband eines Buches an, wie anders der Erwachſene— das Kind verbindet mit der Wahrnehmung eine Menge Beziehungen, die in dem Erwachſenen zu einer Geſammtvorſtellung verſchmolzen ſind, die im allgemeinen nur ein flüchtiges Vorſtellen hervorruft. Bei dem Kinde können wir auch am beſten beobachten, wie die Vorſtellungen allmählich jene Selbſtverſtändlich⸗ keit und freie Beweglichkeit erhalten, durch welche ſie, wie bereits erwähnt den automatiſchen Bewegungen ähneln(ſ. p. 10). Was es nur mühſam erlernt hat, indem der Erzieher Teil für Teil des zu Lernenden erläuterte, dem Kinde Satz für Satz verſtändlich machte, das wiederholt dasſelbe erſt langſam und mit angeſtrengter Aufmerkſamkeit, dann geht die Erneuerung immer leichter und ſchneller vor ſich, bis das Gelernte ihm derartig angeeignet iſt, daß die Sprache kaum dem vorauseilenden Gedanken folgen kann.
Auch das Bewußtſein erhält alſo durch die wiederholte Einwirkung von Vorſtellungen ſeine dauernde eigentümliche Geſtaltung, wie Einwirkungen auf den Organismus dieſem eine eigentümliche Geſtaltung geben, doch die Ähnlichkeit erlaubt uns nicht, auf Einerleiheit zu ſchließen. Charakter, Gewohnheiten, der geiſtige Bildungsgrad beruhen auf dem allgemeinen Naturgeſetze, daß viele Einwirkungen beſtimmter Art auf das Bewußtſein dauernd gewirkt und ſo eine charakteriſtiſche Geſtaltung desſelben herbeigeführt haben, es iſt alſo ein und dasſelbe Geſetz, welches in der organiſchen Welt wirkt und in der Welt des Bewußtſeins erſcheint.
Die allmählige Geſtaltung des Charakters entſpricht jenem Geſetz in der organiſchen Welt, nach welchem ein oft wiederholter Eindruck dem Organismus derartig einverleibt wird, daß dieſer hiermit ſeine eigentümliche Form erhält. Der Organismus ändert ſich um, indem er den Bedingungen folgt, die in ſeinem Weſen liegen und je nach ſeinen Grundeigenſchaften wird er durch die neuen gleichartigen Eindrücke ſeine beſtimmte Geſtaltung erfahren. So hängt auch der Charakter einerſeits von der allgemeinen körper⸗ lichen und geiſtigen Beſchaffenheit, andrerſeits von ſolchen Einwirkungen ab, die ſich durch wiederholtes Zuſammenſein mit der Perſönlichkeit verſchmelzen. Man hat ſogar häufig den Charakter ein Gedächtnis des Willens genannt, wobei freilich überſehen wird, daß die Willenshandlungen vom Charakter abhängig iſt und nicht der Charakter von jenen. Herbart verſteht unter Gedächtnis des Willens eine Anlage zur Feſtigkeit des Charakters. Er wundert ſich, daß man nicht die Beharrlichkeit der Vorſtellungen mit der Beharrlichkeit des Wollens paralleliſirt habe.„Soviel iſt gewiß, daß ein Menſch, bei dem ſein Wollen nicht, gleich den Vorſtellungen im Gedächtnis, ſo oft ſich die Veranlaſſung erneuert, ohne weiteres als daſſelbe wieder hervortritt— der ſich erſt durch Überlegung auf den vorigen Entſchluß zurück⸗ führen muß— große Mühe haben wird, Charakter zu gewinnen.“
„Wo Gedächtnis des Willens iſt, da wird auch die Wahl ſich von ſelbſt entſcheiden. Ohne alle theoretiſche lberlegung wird der Menſch inne werden, was er lieber wolle und was er lieber opfere, was er mehr oder minder ſcheue er wird es in ſich erfahren. Ein veränderliches Gemüt aber kommt hierin zu keiner reinen Erfahrung.(Herbart, Hartenſtein'ſche Ausgabe, Leipzig 1851, Bd. X p. 118).
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