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Wir wenden uns alſo zu der Beteiligung des Bewußtſeins an der Erſcheinung des Gedächtniſſes und unterſuchen die Frage, in welchem Zuſtande dasſelbe ſein muß, wenn eine geregelte Gedächtnis⸗ thätigkeit ſtattfinden ſoll.
Zweite Abteilung: Das Gedächtnis und das Bewußtſein.
Kapitel I. Das Bemußtſein als Grundlage der Gedächtnisthütigkeit.
Wir haben bereits früher erwähnt, daß eine Richtung der phyſiologiſchen Forſchung das Bewußtſein als etwas unweſentliches(accidentielles) bei den Gedächtniserſcheinungen betrachtet und von einem orga⸗ niſchen biologiſchen Gedächtnis ſpricht, welches als eine Leiſtung des Nervenſyſtems betrachtet wird. ¹) Wir bemerken in Hinſicht auf das menſchliche Gedächtnis Folgendes.
Eine Beobachtung der Vorgänge bei dem Leſen und dem Sprechen zeigt uns, daß das Gedächtnis und das Bewußtſein in innigſter Wechſelwirkung ſtehen. Wenn wir ein Buch leſen, alſo eine Reihe von Vorſtellungen nach einander in uns aufnehmen, ſo leſen wir Satz für Satz, Blatt für Blatt. Ein Satz nach dem andern tritt in das Bewußtſein, entſchwindet aber auch aus demſelben, um einem neuen Satze Platz zu machen. Aber obwohl die Sätze nach und nach wieder aus dem Bewußtſein treten, entſteht in mir ein einheitliches Wiſſen von dem, was ich geleſen. Im allgemeinen ſtehen nicht mehr die einzelnen Sätze, ſondern eine Geſammtvorſtellung vor meinem geiſtigen Auge, aus welcher Geſammtvorſtellung ich die einzelnen Teile wieder ableiten kann.
Bei dem Sprechen unterſcheiden wir die Vorbereitung der auszuſprechenden Gedanken und die Nachwirkung der ausgeſprochenen. Sobald wir nämlich einen Satz geſprochen haben, entſinken die einzelnen Worte desſelben und mit ihm der Satz als Redeteil aus dem Bewußtſein, dennoch bildet unſer Ideen⸗ gang ein Ganzes. Das Bewußtſein muß alſo eine Kette von Beziehungen herſtellen, denen wir erſt nach⸗ einander durch geſprochene Sätze Ausdruck verleihen, und ſowohl bei der Aufnahme als beim Sprechen findet eine Beziehung, ein Zuſammenhalten der eiuzelnen Teile ſtatt durch dieſe Wechſelwirkung von Bewußtſeins⸗ vorgängen und Gedächtnisthätigkeit. Ein Beweis für die Notwendigkeit, das Gedächtnis auf Er⸗ neuerungen im Bewußtſein zurückzuführen, gibt ſchon folgende Erwägung: Die Thätigkeit des Gedächtniſſes, d. h. die Aneignung wird häufig nur durch Vorkehrungen ermöglicht, die nur eine Thätigkeit des Verſtandes ſein können. Wenn wir uns die Jahreszahl der Geburt großer Männer genau merken wollen, ſo ſuchen wir nach Beziehungen, die uns das Behalten dieſer Zahlen erleichtern: 1729 wurde Leſſing geboren, 1749 Göthe, 1759 Schiller, 1769 Humboldt. Das Kind erleichtert ſich die Aneigung dieſer Zahlen durch die Bemerkung, daß in ihnen 9 die Stelle der Einer einnimmt, daß Leſſing in ſeinem Wirken Göthe und Schiller vorausgeht, daß erſt ein Zwiſchenraum von 20 Jahren, dann ein ſolcher von 10 Jahren folgt. Es behält die Jahreszahl für die Entdeckung des Seewegs nach Oſtindien, indem es bemerkt, daß ſie ſechs Jahre nach der Entdeckung Amerikas erfolgte(1492). Dieſe letztere Zahl behält das Kind mit großer Sicherheit, weil die Entdeckung Amerikas ihm mit lebhaften Farben als etwas beſonders Ungewöhnliches und Wichtiges geſchildert wurde. Oft iſt die mechaniſche Aneignung überhaupt nicht möglich ohne Hülfe des beziehenden Denkens. Ein Kind iſt häufig nicht im Stande, eine zuſammengeſetzte grammatiſche Regel auch nur wörtlich zu lernen, während es dieſe mit Leichtigkeit behält, wenn ſie ihm erläutert wird.
1) Wir erwähnen beſonders Ribot in ſeinen Werken les maladies de la mémoire, Paris 1883 und l'hérédité psychologique, Paris 1882.


