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Wir müſſen alſo annehmen, daß das Gehirn des Kindes in einem gewiſſen Alter von beſonderer Empfänglichkeit und von beſonderer Fähigkeit iſt, Eindrücke zu behalten. Wie erwähnt ſcheint im ſiebenten Lebensjahre die Receptivität ihren Höhepunkt zu erreichen, mit dem ſiebenten Jahre ſcheint auch die Eindrücke verbindende Thätigkeit ſich lebhafter zu entfalten.
Indem wir bemerken, daß das Gehirn Zuſtände verſchiedener Empfänglichkeitsgrade beſitzt und daß dieſe Receptivität in dem Kindesalter am höchſten iſt, muß die Erziehung ſich eingedenk ſein, daß in den Jahren des erſten Schulbeſuchs körperliche Verhältniſſe von größerem Einfluß auf die geiſtige Entwicklung ſein müſſen als ſpäter, wie umgekehrt auch die geiſtige Inanſpruchnahme einen erhöhten Einfluß auf die körperliche Entwicklung hat.
Mit dem 12ten Lebensjahre nimmt nach Beneke die Fähigkeit des Auswendig⸗ lernens ab. Wir ſind der Anſicht, daß in dieſem Alter die begriffliche Entwicklung des Lehrgegen⸗ ſtandes mehr in den Vordergrund tritt und daß die mechaniſche Aneignung immermehr zurücktritt, je lebhafter der Verſtand die Gegenſtände der ihn umgebenden Welt erfaßt.
Es kann keinem Zweifel unterliegen, daß hierbei individuelle Entwicklung von hervorragendem Ein⸗ fluß iſt. Dieſe Entwicklung wurzelt ſowohl in organiſchen Bedingungen als in den Einflüſſen der Außenwelt als in dem verſchiedenartigen Intereſſe.
Dafür, daß der Menſch vor allen übrigen Geſchöpfen zu einer individuellen Entwicklung beſtimmt i*ſt, ſpricht die Thatſache, daß kein anderes Weſen ſo reich organiſirt iſt als er; in ihm erſcheinen die Sinnesorgane, das Nerven⸗ und Muskelſyſtem, das Gehirn und ſeine Beſtandteile, in ſo überaus mannig⸗ faltiger, verwickelter und empfindlicher Zuſammenſetzung und Verbindung, daß die denkbar größte Ver⸗ ſchiedenartigkeit der Entwicklung ermöglicht wird. Die Beſtimmung zu einer individuellen Entwicklung erſcheint ferner gegeben durch die langſame Ausbildung gerade der Teile, durch deren Vermittlung das Seelenleben Kunde von der Außenwelt empfängt und auf dieſe zurückwirkt, denn von der Eigenart dieſer Organe hängt es ab, wie dieſe Kunde in unſer Bewußtſein gelangt, wie ſich das innere Leben abſpielt und wie wir auf die Außenwelt zurückzuwirken ſuchen. Indem ſich dieſe Teile ſehr langſam ent⸗ wickeln und zwar in ununterbrochener Wechſelwirkung mit der Außenwelt, iſt die Möglichkeit einer Beeinflußung durch die umgebende Außenwelt gegeben wie bei keinem anderen Geſchöpfe. Das Tier tritt in größerer Vollendung in die Welt als der Menſch. Es dauert nicht lange, ſo hat das Junge die Eigenſchaften und Fertigkeiten, welche der Gattung zukommen und je einfacher und einförmiger die Organi⸗ ſation, deſto geringer ſind auch die individuellen Unterſchiede, die wir bei den einzelnen Tieren einer und derſelben Gattung wahrnehmen.„Dem Gehirne des Menſchen“, ſo bemerkt ein Forſcher,„wie überhaupt ſeinem ganzen Körper iſt ein weiterer Spielraum individueller Entwicklung gegeben, weil ein großer Teil derſelben in die Entwicklung nach der Geburt fällt. Es wächſt heran unter den Eindrücken ſeiner Um⸗ gebung auf ſeine Sinne und erwirbt unter ſolchen Verhältniſſen in individuell ausgeprägter Weiſe das, was dem Tiere gleich in feſter genereller Weiſe gegeben iſt.“ ¹)
Wir erkennen jedoch, daß es auch hinſichtlich der Individualität nicht ausſchließlich organiſche Bedingungen ſein können, welche beſtimmend einwirken, ſondern daß Umgebung, Erziehung, Lebensverhält⸗ niſſe aller Art allmählich die Individualität entſtehen laſſen, mit einem Worte: es ſind auch für die Geſtaltung der Individualität Bewußtſeinsvorgänge, die neben den organiſchen Verhältniſſen in Frage kommen.
¹) Ewald Hering, über das Gedächtnis als eine allgemeine Funktion der organiſirten Materie(Wien 1876) p. 21. Vergl. ferner Wundt, Grundzüge der phyſiologiſchen Pſychologie(Leipzig 1880) insbeſondere Bd. II p. 338 ff.


