Aufsatz 
Die Lehre vom Gedächtnis mit besonderer Berücksichtigung der kindlichen Entwicklung
Entstehung
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Jedoch bevor wir uns zu der Beteiligung des Bewußtſeins an dem Gedächtnis wenden, haben wir uns mit der Frage zu beſchäftigen, wie weit das Lebensalter für die Entwicklung dieſer Erſcheinung in Betracht kommt. Denn es liegt die Vermutung nahe, daß das Wachstum des Gehirns auf die Ausbildung der Gedächtnisthätigkeit von beſonderem Einfluß iſt, wie auch die Abnahme des Gedächtniſſes im Greiſen⸗ alter weſentlich von organiſchen Veränderungen verurſacht iſt.

Kapitel II. Das Gedäüchtnis in dem Kindesalter.

Das Kindesalter umfaßt in Ländern mit gemäßigtem Klima zwei Abſchnitte: 1) das eigentliche Kindesalter bis zum 8. Jahre, 2) das Knaben⸗(Mädchenalter) bis zum 14. Jahre.

Vergleichen wir die Ergebniſſe der phyſiologiſchen und der pädagogiſchen Betrachtungsweiſe, ſo ergiebt ſich, daß bereits zwiſchen dem 3ten und 4ten Lebensjahre eine hohe Empfänglichkeit des Gedächtniſſes vor⸗ handen iſt, die wahrſcheinlich bis zum 7ten Jahre ſich ſteigert und von dieſem bis ungefähr zum 12ten Jahre ſich gleich bleibt. Dieſe Fähigkeit der Aneignung iſt bereits im 3ten Jahre eine oft ganz erſtaunliche. Ihre falſche Verwendung Seitens der Erziehung iſt von den ſchlimmſten Folgen begleitet. Die hohe An⸗ eignungsfähigkeit des Kindes in der Zeit, wo der Organismus beſonders empfäng⸗ lich iſt, führt häufig die Eltern und manchmal auch Erzieher von Fach zu einer Ueberladung des kindlichen Gedächtniſſes, die ſowohl für die körperliche als die geiſtige Entwicklung ſchädlich iſt. ¹)

Wir geben im nachfolgenden die phyſiologiſchen Reſultate: Man hat berechnet, daß das Gehirn vom zweiten Lebensjahre bis zum vollendeten Wachstum nur noch um ein Sechstel ſeiner Maſſe zunimmt, während es vor dieſem Alter überaus raſch zunahm und vor allen andern Körperteilen hinſichtlich ſeines Gewichtes, ſeiner Maſſe, ſeines Wachstums hervortrat. Dann tritt vom zweiten, reſp. dritten Jahre ein gewiſſer Abſchluß in der bis dahin ſehr ſtarken Entwickelung des Gehirns ein und von da ab wird eine erhöhte Einwirkung auf das geiſtige Leben des Kindes möglich. Vierordt bemerkt hierüber folgendes: Unſere Erinnerungen an die erſte Kindheit reichen kaum in das dritte Jahr zurück; ein einzelnes oder einige wenige Erlebniſſe dieſes Jahres können in verblaßter Erinnerung zeitlebens aufbewahrt ſein, wobei es ſich durchaus nicht immer um beſonders auffallende Ereigniſſe ſondern öfters um ganz geringfügige Dinge handelt. An das vierte Jahr knüpfen ſich ſchon etwas reichlichere, an das fünfte bereits eine ganze Anzahl mehr oder weniger deutliche Einzelerinnerungen. Mit Unrecht würde man daraus auf eine geringe Stärke des geiſtigen Lebens überhaupt ſchließen.Wenn aber das einfach Sinnliche die Aufmerk⸗ ſamkeit des Kindes ganz vorzugsweiſe erregt, ſo muß auch das Gedächtnis zunächſt auf dieſem Gebiete am meiſten entwickelt ſein; mir iſt ein Fall bekannt, daß ein 3 ½ jähriger Knabe nicht blos die Namen ſämmtlicher Wirbelthiere des Rebau'ſchen Atas erlernt, ſondern auch, durchaus abſichtslos, zugleich die Reihenfolge der Abbildungen in der Art ſich eingeprägt hatte, daß er nahezu fehlerfrei von jeder der 300 400 Abbildungen die Namen der Nachbartiere aus dem Gedächtnis anzugeben wußte.

¹) Ein lehrreiches Beiſpiel giebt die Geſchichte der Pädagogik an den Kunſtſtücken Baſedow's, deſſen Emilie im Alter von 3 ½ Jahren drei Sprachen las! Statt dieſe Kunſtſtücke an einem Kinde zu vollbringen, gebe man demſelben kleine Lieder, kleine Erzählungen und übe das Behalten von eiuzelnen wichtigen Erſcheinungen der Außen⸗ welt, die Namen, das Ausſehen von Pflanzen, Tieren u. ſ. w., kurz: man übe, wie Niemeyer bemerkt, das Einzelne.

²) Vierordt, Phyſiologie des Kindesalters bei Gerhardt, Handbuch der Kinderkrankheiten, Tübingen 1877 Bd. 1 pag. 210.