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Das ſenſoriſche Gedächtnis erſcheint ferner da, wo Vorſtellungen mit unabänderlicher Gewalt das Bewußtſein beherrſchen, wie es bei den Trieben der Fall iſt. Der Erhaltungstrieb, der Zerſtörungstrieb zeigen ſolche Erſcheinungen, welche oft zu Handlungen führen, bei denen der Thäter ſelbſt nachträglich erklärt, er kämpfe vergeblich gegen ſie an, werde aber gleichſam von einer geheimen Macht zu ihnen gegen beſſeres Wiſſen und Wollen angetrieben.
Das ſenſoriſche Gedächtnis erſcheint vor allem als eine Beeinfluſſung des Bewußtſeins durch die Umgebung zu einer Zeit, wo dieſes ſich noch mehr em⸗ pfangend als bearbeitend verhält. Auf dieſer Beeinfluſſung beruht die große Wirkung der Um⸗ gebung auf das Kind, in ihr wurzelt der künftige Charakter.
Als erſtes Geſetz für die Aneignung ſtellen wir den Satz auf: Jeder Eindruck, ohne Unter⸗ ſchied auf Inhalt, Form, Grad der Klarheit der Auffaſſung oder Stärke der Auf⸗ merkſamkeit kann angeeignet und erneuert werden.
Selbſt zufällige von uns nicht beachtete Eindrücke können im Bewußtſein wiederkehren und kehren oft eher wieder und mit größerer Stärke als eine ſorgſam und mit Aufmerkſamkeit und Verſtändnis erworbene Vorſtellung. ¹)
Einen Beweis liefern die in der Anmerkung erwähnten Fälle, in welchen Fieberkranke gehörte Reden fremder Sprache, die ſie nicht verſtanden, oder Unterredungen, deren Zeuge ſie waren, wörtlich wiederholten; einen weiteren Beweis liefert der Traum, in welchem unbeachtete Eindrücke auftauchen. Oft werden Vorſtellungen, Begriffe bewußt, deren Urſprung wir nicht anzugeben vermögen, und namentlich bei Kindern ſcheinen Eindrücke dieſer Art häufig zu ſein. Das Gedächtnis nimmt die Eindrücke auf, während das Bewußſein ſich nur leidend, ja gleichgültig gegen ſie verhält oder ſie doch inhaltlich nicht zu faſſen vermag²)— in ſpäteren Zuſtänden tauchen dieſe Eindrücke plötzlich auf, zufällig, vielleicht durch
¹) Wir erwähnen einen oft angeführten Fall von einem Mädchen, welches im Alter von 26 Jahren von einem Fieberanfall ergriffen wurde und während des Deliriums hebräiſche, griechiſche und lateiniſche Stücke herſagte. Sie war als Waiſe im Alter von 11 Jahren von einem ſehr gelehrten Pfarrer aufgenommen, der nach Tiſche dieſe Stücke recitierte und ſie hatte in der Küche ſitzend die Stücke gehört. Ein anderes Beiſpiel bietet der Fall, daß ein im Dienſte eines Diplomaten ſtehender Kammerdiener im Fieber die Geſpräche wiedergab, deren Zeuge er geweſen(wobei jeden⸗ ſalls neben ſeiner Treue auch ſein geringer Bildungsgrad Veranlaſſung war, daß man ihn als Zeugen duldete). Als der Diplomat ihn nach der Wiedergeneſung als Sekretär benützen wollte, ergab ſich ſeine völlige Unbrauchbarkeit. Ein Roſtocker Bauersmann ſagte im Fieberanfall die griechiſchen Anfangsworte des Johannesevangeliums her, die er vor 60 Jahren vernommen.
Man vergleiche Mandsley a. a. O. p. 14. Eine beſonders reiche Sammlung ähnlicher Fälle gibt Taine, de l'intelligence humaine(Paris 1878) Bd. 1 p. 133. Huber, das Gedächtnis, München 1878 p. 35. Du Prel, über das Erinnerungsvermögen, Kosmos, 7. Jahrgang, Stuttgart 1883, Volkmann von Volkmar, Lehrbuch der Pſychologie, Cöthen 1875 p. 179.
Einen Verſuch, alle dieſe abnormen Erſcheinungen des Gedächtniſſes unter gemeinſame Geſichtspunkte zu bringen und nach Geſetzen zu erklären, machte Ribot in ſeinem Werk: Maladies de la Mémoire(2 Auflage), Paris 1883. Bedeutendes auf dieſem Gebiet hat auch Kußmaul geleiſtet in ſeinen Störungen der Sprache(ceipzig 1877).
²) Fälle dieſer Art ſ. Taine a. a. O. I p. 132, ferner Manri, le sommeil et les rêves, Paris 1878 Maury berichtet, daß ihm drei Eigennamen verbunden mit dem Namen einer franzöſiſchen Stadt nicht aus dem Sinne kommen wollten, er wußte nicht, woher er ſie hatte und was ſie bedeuteten. Endlich fiel ihm ein altes Zeitungsblatt in die Hände und er las eine Auzeige von Mineralwaſſern unter Angabe der Apotheker in den wichtigſten Städten Frankreichs, wo dieſe Mineralwaſſer verkauft wurden. Und hier ſtanden auch die drei unbekannten Namen, die Maury's vortreffliches Wortgedächtnis ohne ſein Wiſſen behalten hatte. Und wie häufig nehmen wir unbewußt Eindrücke in uns auf, von denen wir ſpäter nicht wiſſen, wo wir ſie erworben.


