Aufsatz 
Die Lehre vom Gedächtnis mit besonderer Berücksichtigung der kindlichen Entwicklung
Entstehung
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Wir geben an dieſer Stelle die Bemerkungen Kußmauls wieder, die er über die körperlichen Bedingungen des Gedächtniſſes aufſtellt:

1) Verſorgung der Nerven mit ausreichendem Nährmaterial. Erſchöpfung durch Mangel an Nahrung, übermäßige Muskel⸗ oder Geiſtesarbeit ſchwächt dasſelbe.

2) Richtige Blutverteilung, abhängig von Struktur und Innervation der Blutgefäße. Die ſenſile Amneſie(Verluſt, Schwächung des Gedächtniſſes im Greiſenalter) iſt ein Beiſpiel vom Einfluß des erſten Moments, die vorübergehende bei Fluxionen des Gehirns des zweiten.

3) Richtige Beſchaffenheit des organiſchen Bodens, der aus dem Blute die Nährſtoffe aufnimmt. Das Gedächtnis iſt abhängig von angeborner und ererbter Beſchaffenheit des Gehirns, der Größe ſeiner nutritiven Energie(Kraft zur Ernährung) und Entwicklungsfähigkeit.

4) Die nötige Anhäufung aſſimilirten Rohmaterials, wozu hauptſächlich der Schlaf dient Nacht⸗ wachen ſchwächen das Gedächtnis(Kußmaul, Störungen der Sprache, Leipzig 1877, p. 37).

Die Beteiligung an dem Zuſtandekommen des Gedächtniſſes geht ſowohl von den Organen an der Oberfläche des Körpers aus als von den Centralorganen. Denn die Sinneswerkzeuge leiten die empfangenen Reize zum Gehirn, iſt ihre Thätigkeit eine ungenügende, oberflächliche oder ihre Beſchaffenheit mangelhaft, ſo wird auch die Aneignung eine ungenügende ſein. Von der Beſchaffenheit der Sinneswerkzeuge an der Oberfläche des Körpers, von ihrer normalen Thätigkeit hängt die Aneignung in der Weiſe ab, daß die Eindrücke nicht anders der Seele vermittelt werden können als es nach der Beſchaffenheit und Thätig⸗ keit der Sinnesorgane möglich iſt. Schon nach phyſiologiſchen Geſetzen werden alle Ein⸗ drücke, die zu raſch aufeinander folgen, mnit einander verniſcht, es entſteht kein abgegrenztes Bild, ſondern ein unbeſtimmter Geſammteindruck.

Auch auf die äußeren Sinneswerkzeuge können Reize eine derartige Nachwirkung hervorrufen, daß das Bild, der Klang, das ſchmerzhafte Gefühl noch längere Zeit erhalten bleibt. Dieſe Erſcheinung hat man das Sinnesgedächtnis genannt. Wenn wir lange Zeit in die Sonne geſehen haben und dann in ein dunkles Zimmer treten, ſo entſteht in uns ein Nachbild, das leuchtende Sonnenbild ſteht vor unſerem Auge. Es liegt nahe, bereits in dieſer Erſcheinung die Gedächtnisthätigkeit zu erblicken, ja das Gedächtnis ausſchließlich auf Erinnerungsnachbilder zurückzuführen. Fechner hat ſolche Bilder, welche in uns kurz nachher entſtehen, wenn wir einen Gegenſtand geſehen haben, Erinnerungsnach⸗ bilder genannt¹) und wenn wir beobachten, daß Kinder oft auffallend raſch gleichſam im Fluge eine Seite Wörter, ein Gedicht lernen, um dann ebenſo ſchnell das Gelernte zu vergeſſen, ſo haben wir es möglicher Weiſe bei dieſem Lernen nur mit Nachbildern zu thun, welche ihrer Entſtehung nach nicht von langer Dauer ſein können.

Das Nachbild entſteht, wenn ein Reiz längere Zeit auf ein äußeres Sinnesorgan gewirkt hat, ſo daß in dieſem ein allerdings nur kurze Zeit andauernder Zuſtand hervorgerufen iſt. Wir müſſen aber annehmen, daß im Großen und Ganzen nur in den Centralorganen durch die Einwirkung der Außenwelt bleibende Zuſtände hervorgerufen werden und daß durch dieſe Gedächtniserſcheinungen in der Seele hervorgerufen oder doch in ihrem Verlaufe bedingt werden.

Die Centralorgane des menſchlichen Körpers, insbeſondere ein beſtimmter Teil des Gehirns, ſind wie neuere Unterſuchungen, insbeſondere die von Kußmaul in ſeinem bereits erwähnten Werke hinſichtlich der Sprache, von Munk hinſichtlich der Geſichtseindrücke dargethan haben, an dem Zuſtandekommen des Gedächtniſſes beſonders beteiligt. Doch indem wir hier eine Skizzierung der Beſchaffenheit der Central⸗

1) Fechner, Pſychophyſik II. p. 468 f.