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das Eiſen hart und das Eis kalt ſei.¹) Dieſe Vorſtellungen werden uns ſo geläufig und ſo ſelbſt⸗ verſtändlich, daß wir in ihrer Wiederkehr gar keinen Gedächtnißakt mehr bemerken. Und man wird ſehr leicht erkennen, daß der menſchliche Geiſt über einen ſolchen Apparat mechaniſch gewordener Begriffe ver⸗ fügen muß, denn ſo wenig der Menſch jeden Tag das Gehen, das Ankleiden von neuem erlernen ſoll, wenn er nicht ſein ganzes Leben mit dieſen Thätigkeiten verbringen ſoll, ſo wenig darf er immer von neuem einen geiſtigen Prozeß und von anfang an wiederholen, wenn ein Fortſchritt ſtattfinden ſoll. Doch indem wir die Vorſtellungen anwenden, werden ſie für uns nicht Bewegungen, auf die wir nicht mehr zu achten haben, ſondern ſie ſind und bleiben Bewußtſeinsakte. Das Bewußtſein zieht ſich nicht von ihnen zurück, überläßt ſie nicht ſich ſelbſt, ſondern es verwendet ſie als Gegenſtand des Denkens. Damit die Seele ſich mit den Vorſtellungen beſchäftigen könne, müſſen die Bewegungen des Körpers automatiſch werden.
Abſchnitt II. Von der Mlitwirkung der körperlichen Organe und des Bewußtſeins bei der Aneignung und Ernenerung.
Erſte Abtheilung: Die körperlichen Organe.
Kapitel I. Nachmweis der Beteiligung kürperlicher Organe an der Aneignung.
So entſchieden wir die einſeitige Ableitung des Gedächtniſſes aus organiſchen Vorgängen zu⸗ rückweiſen müſſen, ſo läßt es ſich doch nicht verkennen, daß gerade das Gedächtnis als Aneignung eines pſychiſchen Eindrucks von organiſchen Bedingungen abhängt. Schon die Störungen des Gedächtniſſes weiſen auf dieſen Zuſammenhang hin, doch auch andere Erſcheinungen beweiſen es. Idioten ſagen lange Erzählungen Wort für Wort, ohne eine Spur von Verſtändnis auswendig her. Dieſe Aneignung geſchah nur Seitens der Sinnesorgane, welche die Schall⸗ und Geſichtseindrücke aufnehmen, die Beteiligung der Seele iſt bei ihnen durch irgend eine Störung oder mangelhafte Entwicklung gehemmt. Im Traum, im Fieber tauchen die Vorſtellungen empor ohne Ordnung, teils ohne Zuſammenhang, teils in einem Zuſammen⸗ hang, der uns im wachen Zuſtande als wiederſinnig, als lächerlich erſcheint. Narkotiſche Mittel, Gifte, Erſchütterung durch Stoß und Druck, Blutverluſte und Blutandrang, körperliche Ermüdung rufen teils ſehr auffallende Erneuerungen entſchwundener Vorſtellungen hervor, teils hemmen ſie die Aneignung neuer, teils die Erneuerung älterer Vorſtellungen oder ſie heben das Gedächtnis gänzlich auf.
Es kann keinem Zweifel unterliegen, daß körperliche Zuſtände auf die Seele zurückwirken und dieſes Geſetz muß ſich auch beim Gedächtnis zeigen. Für uns kommt beſonders in Betracht, daß körperliche Anſtrengung und Ernährung auf die Erinnerungsfähigkeit einwirkt. So berichtet der Engländer Henry Holland, daß er nach dem Beſuche von zwei tiefen Bergwerken des Harzes an einem Tage auf kurze Zeit ſein ganzes Deutſch vergeſſen habe und erſt nach einiger Erholung und Einnahme von Erfriſchungen die deutſchen Worte wiederfand. Was den Einfluß von Nahrungsmitteln auf das Gedächtnis betrifft, ſo betonte ſchon Quintilian die Wichtigkeit der Auswahl derſelben für ein gutes Gedächtnis und Alkuin gab Karl dem Großen auf deſſen Frage, ob es eine Gedächtniskunſt gäbe, unter anderm auch die Ver⸗ meidung der Trunkenheit an.
¹) Herbert Spencer, principles of psychology p. 551.


