Aufsatz 
Die Lehre vom Gedächtnis mit besonderer Berücksichtigung der kindlichen Entwicklung
Entstehung
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genommenen in irgend einer Form bewahrten, und aus dieſen die Vorſtellung im Bewußtſein ſelbſtthätig erzeugten, auch ohne daß während dieſes letzteren Vorgangs der Gegenſtand noch weiter angeſchaut wurde.

Die Vorſtellungen werden alſo im Bewußtſein erzeugt, auch wenn die urſpüngliche Veranlaſſung, durch welche ſie gebildet wurden, nicht gegeben iſt oder wenigſtens nicht in derſelben Vollſtändigkeit gegeben iſt. Die Vorſtellung Pferd wird hervorgerufen nicht allein durch den Anblick eines Schimmels oder Rappen, ſie kann entſtehen durch den Anblick einer Straße, in welcher wir ein Pferd geſehen, durch den Anblick eines Hundes, eines Wagens, kurz ſie kann ſich bei jeder Wahrnehmung und bei jeder anderen Vorſtellung erneuern, zu der ſie in irgend einer Beziehung ſteht oder mit der ſie nur einmal, wenn auch nur äußerlich, in Verbindung geſtanden hat.

Als ein weſentliches Moment für die Begriffsbeſtimmung betrachten wir die Erſcheinung, daß jedes erneuerte Ereignis andere erneuert, die in irgend einer Beziehung zu demſelben geſtanden, irgend einmal mit ihm verknüpft waren. Dieſe Erſcheinung hat man denMechanismus des Gedächtniſſes genannt und wir nehmen an, daß ſie neben der Aneignung das Weſentliche in der Erſcheinung des Gedächtniſſes enthält. Nenne ich den Namen einer Stadt, z. B. Paris, ſo entſteht in mir etwa die Erinnerung an die Tuilerien, dann an den Präſidenten Grevy, dann an die gegenwärtig noch ſtattfindende Unternehmung in Tonkin, und das Spiel dieſes Mechanismus würde immer weiter gehen, wenn nicht andere Einwirkungen es unterdrückten, die nun ihrerſeits ähnliche Leiſtungen hervorrufen.

Mithin iſt das Gedächtnis die Aneignung eines pſychiſchen Ereigniſſes in der Weiſe, daß dieſes durch einen andern Reiz als durch unmittelbare Einwirkung des früheren erneuert wird, und mit andern vorhergegangenen Aneignungen ſo ver⸗ knüpft erſcheint, daß es ſowohl dieſe erneuert als von ihnen erneuert werden kann.

Das Gedächtnis iſt mithin kein Raum, kein Behältnis, vielmehr iſt es eine Eigenſchaft der ſeeliſchen Organiſation, die ſich in der Verbindung und Erueuerung alles deſſen zeigt, was einmal auf uns eingewirkt hat. Dieſe Eigenſchaft iſt in ihrem innerſten Weſen ein Rätſel für uns. Wir können wohl ihren Außerungen nachgehen und dieſe unter gemeinſame Geſetze bringen, das Weſen des Gedächtniſſes können wir nicht erklären. Die Begriffsbeſtimmung umfaßt alſo immer nur die äußere Erſcheinungsweiſe des Gedächtniſſes, und die Forſchung muß ſich damit zufrieden geben, die Erſcheinungen desſelben richtig zu beobachten und angemeſſen zu deuten.

Aneignung, Beharren und Erneuerung ſind Äußerungen des Lebens, die nicht allein der Seele zukommen, ſondern in vielen Erſcheinungen der Natur zu finden ſind. Die Narbe bleibt dauernd zurück an der Stelle, wo ſie entſtand und bewahrt ihre charakteriſtiſche Form auch in der Weiterentwicklung des Körperteils, an dem ſie ſich befindet.¹) Eine gewiſſe Einwirkung von Lichtſtrahlen auf ein empfindliches Blatt läßt einen dauernden Eindruck zurück, und das von ihnen erzeugte Bild kann vermittels einer Ein⸗ wirkung durch eine Flüſſigkeit nach längerer Zeit erneuert werden. Es hat an Verſuchen nicht gefehlt, überall da, wo wir Aneignung, Beharren und Erneuerung bemerken, von Gedächtnis zu reden, und dieſe Wahrnehmung war eines der weſentlichſten Motive, welche einzelne Forſcher veranlaßt haben, dem Gedächtnis⸗ begriff eine Ausdehnung zu geben, die über die urſprüngliche Faſſung und gewiß auch über die eigentliche

¹) Maudsley in ſeiner Phyſiologie und Pathologie der Seele(Deutſch von Böhm, Würzburg 1870 p. 190) vertritt die weitgehendſte Anſicht, daß jedes Beharren einer Einwirkung auf den OrganismusGedächtnis ſei. Dieſelbe Anſicht vertritt Lewes, Problems of life and mind, third series p. 57.