Aufsatz 
Die Lehre vom Gedächtnis mit besonderer Berücksichtigung der kindlichen Entwicklung
Entstehung
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Indem wir nun den Begriff des Gedächtniſſes feſtzuſtellen ſuchen, ſchlagen wir einen andern Weg ein als den gewöhnlichen, der vom Zuſammenhang des Körpers und der Seele ausgeht und mithin nur auf Vermutungen ſich ſtützen kann. Wir benützen nämlich einen Begriff, den erſt die neuere Pſychologie in ihre Betrachtungsweiſe eingeführt hat: den der Arbeitsleiſtung. Und in der That iſt der einzige Anhalts⸗ punkt, der uns mit unumſtößlicher Sicherheit gegeben iſt, der, daß das Gedächtnis eine Arbeitsleiſtung des pſychiſchen Organismus iſt.

Der pſychiſche Organismus beſteht aus Seele und Leib, die in engſter Wechſelwirkung ſtehen. Was in unſerm Bewußtſein erſcheint, nennen wir ein pſychiſches Geſchehen, wie Empfindungen, Handlungen, Bewegungen, Gefühle und Wahrnehmungen. Wie das Auge die Eindrücke der Geſichtsempfindungen vermittelt, ſo überliefert uns das Gehör reine Schallempfindungen, oder wir vernehmen Wörter, die Außerung der Rede anderer Perſonen. Vermittels der Sprache bezeichnen wir die Dinge mit Namen, geben den Vorgängen, den Eigenſchaften, die wir an den Dingen wahrnehmen, eine Bezeichnung. Das gehörte und geſprochene Wort iſt mit dem Vorſtellungsbilde verknüpft, welches uns die Geſichtswahrnehmung liefert. Unſere übrigen Sinnesorgane überliefern uns Empfindungen, Taſtempfindungen, Druck⸗ und Temperaturempfindungen, die Empfindungen des Geſchmacks, des Geruchs. Daneben erſcheinen die Gefühle, Triebhandlungen, Verſtandes⸗ und Willensthätigkeit. Alle dieſe Erſcheinungen bilden den Inhalt unſeres Bewußtſeins, unſerer Seelenthätigkeit. Sie erzeugen ſich in bunter Wechſelwirkung und rufen ſich gegen⸗ ſeitig auf's neue hervor. Wir nennen dieſe Erneuerung das Gedächtnis. Das Gedächtnis läßt alle Vorgänge, die irgend einmal mit einander verknüpft geweſen, von neuem erſcheinen, in der Weiſe, daß wenn ein Glied dieſer Verbindung gegeben iſt, auch die übrigen Glieder oder wenigſtens ein Teil. derſelben im Bewußtſein erneuert werden.

Ein jedes pſychiſche Geſchehen iſt mit einer Erregung in den Sinnesorganen und in der Seele verbunden, mithin iſt eine jede ÄAußerung des pſychiſchen Lebens eine Arbeitsleiſtung oder das Reſultat einer ſolchen. Das Wiederbewußtwerden einer Wahrnehmung, überhaupt eines pſychiſchen Eindrucks muß ebenfalls das Reſultat einer Arbeitsleiſtung ſein.

Unterziehen wir die Leiſtungen des Gedächtniſſes einer Prüfung, ſo erkennen wir, daß ſie ſich unter drei Formen, ſals eine Aneignung, ein Beharren und eine Erneuerunng eines pſychiſchen Vorgangs zeigen. Dieſe drei Thätigkeiten ſind aber nicht als getrennte Funktionen aufzufaſſen, ſondern die einheitliche Kraft des pſychiſchen Organismus iſt, Eindrücke ſich in ſolchem Grade anzueignen, daß ſie in ihm beharren und von ihm im Bewußtſein erneuert werden können. Jedoch nicht jede Erneuerung eines Seelenvorgangs iſt ein Akt des Gedächtniſſes. Wir haben vielmehr folgende Fälle zu unterſcheiden.

Wenn ich einen Gegenſtand mit den Augen ſehe, ſo entſteht in mir ein Bild dieſes Gegenſtandes das Anſchauungsbild. Wenn ich ihn auf's neue wahrnehme, ſo erneuert ſich in mir das Anſchauungs⸗ bild, doch muß hierbei noch kein Gedächtnisakt ſtattfinden. Denn erſt dann, wenn mir der Gegenſtand bekannt erſcheint, war das Gedächtnis thätig. Die Urſache, daß der auf's neue geſehene Gegenſtand uns bekannt erſcheint, liegt darin, daß bei der vorangegangenen Wahrnehmung eine Aneignung des Wahrgenommenen ſeitens des pſychiſchen Organismus ſtattgefunden hat, ſo daß nun ein Erinnerungs⸗ bild entſtand, als ich den Gegenſtand zum zweiten Male wahrnahm. Das Erinnerungsbild iſt nicht eine Anſchauung, ſondern eine Vorſtellung. Die Vorſtellung entſteht, wenn ich mir ein Bild von einem Gegenſtand machen kann, auch wenn ich ihn nicht mehr mit den Augen wahrnehme. Somit iſt die Erzeugung der Vorſtellung bereits ein Akt des Gedächtniſſes, denn der erſte Eindruck hinterließ eine ſolche Wirkung auf die Träger der Seelenthätigkeit, daß dieſe die Elemente des Wahr⸗