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Bain), einer der bedeutendſten ſchottiſchen Pſychologen, gethan, die Pflege des Gedächtniſſes als„die oberſte Frage der Erziehungskunſt“ anzuſehen. Wir betrachten nämlich einen anderen Satz deſſelben Forſchers:„Der Geiſt hebt mit Unterſcheidung an“ als ebenſo wichtig für die Erziehung als die Erkenntnis der Bedeutung des gedächtnismäßigen Wiſſens. Unterſcheiden, Urteilen und Schließen, mit einem Worte: die freie Entfaltung der Seelenthätigkeit iſt nicht minder eine weſentliche Bedingung des geiſtigen Daſeins, wie die Aneignung von Wiſſen, iſt alſo auch eine elementare»conditio sine qua non«, wie ein Beurteiler Bains das Gedächtnis mit Recht genannt hat. ²)
Abſchnitt I. Weſen des Gedächtniſſes. Verſuch einer Begriffsbeſtimmung.
Kapitel I. Das Gedächtnis in ſeiner einfachſten Erſcheinungsform. ſüberblicen wir die neuere Literatur über das Gedächtnis, ſo finden wir nach zwei Richtungen hin einen Mangel. Die philoſophiſche Beobachtungsweiſe behandelt das Gedächtnis im Großen und Ganzen nicht einheitlich, ſie handelt von ihm bald in der Lehre von der Seele und dem Bewußtſein, bald in der Lehre von der Wiedererneuerung, bald bei den Trieben und dem Inſtinkt, und behandelt dann wieder das Gedächtnis als beſondere Erſcheinung, nämlich als die unveränderte Erneuerung der Vorſtellungen. ³) Die phyſiologiſche Betrachtungsweiſe hat den Gedächtnisbegriff verallgemeinert; ſie betrachtet das Bewußſein als etwas unweſentliches für denſelben und ſpricht neben dem pſychologiſchen Gedächtnis, das mit Bewußtſein verbunden iſt, von einem biologiſchen, das ſelbſt der einfachſten Lebensorganiſation zukäme. Wir gehen in der nachfolgenden Darſtellung davon aus und werden die Berechtigung dieſer Auffaſſung nachweiſen, daß wir an dem Gedächtnis als einer Erneuerung eines Bewußtſeinsaktes in der Seele feſthalten müſſen, wie denn auch ſowohl von Vertretern der phyſiologiſchen Richtung als der philoſophiſchen Forſchung es an Widerſpruch gegen dieſe Ausdehnung des Gedächtnisbegriffs nicht gefehlt hat.4) Dabei verkennen wir nicht das große Verdienſt der phyſiologiſchen Betrachtungsweiſe, darin beſtehend, daß ſie die große Bedeutung der Wirkun g des Gedächtniſſes klargeſtellt hat, indem ſie nachwies, welche Folgen für die Organiſation und das Verhalten des Menſchen es hat, wenn Vorſtellungen, Handlungen, Bewegungen Eigentum des Gedächtniſſes geworden ſind. ¹) Alexander Bain, Erziehung als Wiſſenſchaft. Internationale wiſſenſchaftliche Bibliothek. Band 45. Leipzig 1880. ²) Friedrich von Baerenbach in Fichte's Zeitſchrift für Philoſophie. Jahrgang 1881 p. 298. ³) Die älteſte Abhandlung über das Gedächtnis ſtammt von Ariſtoteles, im übrigen hat von den mnemo⸗ techniſchen Schriften abgeſehen, erſt die Neuzeit begonnen, ſich mit dem Gedächtnis in befonderen Schriften zu beſchäftigen. Wir nennen von den neueren Erſcheinungen als die wichtigſten: Huber, Das Gedächtnis, München 1878. Hering, Das Gedächtnis als Funktion u. ſ. w.. Wien 1876. Henſen, Üüber das Gedächtnis, Kiel 1877. Koch, Über das Gedächtuis, mit Bemerkungen über deſſen Pathologie, in Fichte's Zeitſchrift, 1881. Ribot, Les maladies de la mémoire, Paris 1883. Du Prel, Das Erinnerungsvermögen, Kosmos, Bd. 13, Stuttgart 1883. Ebbinghaus, Über das Gedächtnis, Leipzig 1885. ⁴) Wir nennen von den Vertretern der phyſiologiſchen Richtung Wundt(Phyſ. Pſychologie, Leipzig 1880, Bd. II, p. 319).


