Aufsatz 
Die Lehre vom Gedächtnis mit besonderer Berücksichtigung der kindlichen Entwicklung
Entstehung
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Bedeutung desſelben hinausgeht. Denn wenn wir auch in gewiſſen Vorgängen in den einfachſten tieriſchen Organismen die erſte Stufe einer Reihe erblicken, die zu den höchſten Leiſtungen des Menſchen führt, ſo müſſen wir dieſer Leiſtung des menſchlichen Gedächtniſſes ihre beſondere Stellung geben, die ſie thatſächlich einnimmt. Das menſchliche Gedächtnis iſt nicht allein eine Erneuerung von rein mechaniſchen Vorgängen, ſondern von Vorgängen im Bewußtſein, zu welchen Erinnerung treten kann. Der Menſch weiß, daß die Vorſtellung, die in ihm auftaucht, einer vergangenen Wahrnehmung angehört, er unterzieht fie einer Prüfung durch den Verſtand, er weiſt ſie oft zurück, er fragt ſich, wann ſich in ihm eine Vorſtellung gebildet. Mithin müſſen wir das menſchliche Gedächtnis in Beziehung zum Bewußtſein auffaſſen, denn nur auf dieſe Weiſe bewahren wir uns vor einer ſpäter von uns noch zu beſprechenden Verallgemeinerung dieſes Begriffs, die aus einer Verlegenheit hervorgegangen iſt, ähnlichen oder verwandten und im Zuſammenhang mit dem Gedächtnis ſtehenden Vorgängen einen geeigneten Namen zu geben.

Denn da das Gedächtnis eine Aneignung eines Geſchehens Seitens des pſychiſchen Organismus i*ſt, ſo kommt für dasſelbe ein Geſetz in Betracht, welches in der Neuzeit eine beſondere Beachtung Seitens der Pſychologie gefunden hat: das Geſetz der Uebung. Um dem Begriff des Gedächtniſſes die erforderliche Abgrenzung zu geben und um die Verallgemeinerung, welche der Gedächtnisbegriff gefunden, auf ihren Wert prüfen zu können, müſſen wir auf dieſes Geſetz näher eingehen.

Kapitel II. Die Aneignung durch Ubung und Wiederholung.

In innigem Zuſammenhange mit dem Gedächtnis ſtehen Erſcheinungen, welche die Übung und die Wiederholung eines pſychiſchen Geſchehens zur Folge hat. Daß die Aneignung durch übung und Wieder⸗ holung verſtärkt wird, iſt zweifellos, und die Wirkung, welche dieſe Thätigkeiten hervorrufen, iſt für das Gedächtnis von größter Bedeutung. Werfen wir daher einen Blick auf die Faſſung, welche die neuere Pſychologie den von übung und Wiederholung bewirkten Erſcheinungen gegeben hat.

Jedes Element, ſo bemerkt Wundt,wird um ſo geeigneter zu einer beſtimmten Funktion, je häufiger es durch äußere Bedingungen zu derſelben veranlaßt worden iſt. ¹) Die Uebertragung dieſes Prinzips auf die Funktionen des geſammten Nerven⸗ und Muskelſyſtems hatte zur Folge, daß man einen tieferen Einblick in das Weſen vieler Vorgänge gewonnen, die für die Entwicklung des einzelnen Menſchen in körperlicher und geiſtiger Hinſicht wie für die Entwicklung des Menſchengeſchlechts überhaupt von großer Bedeutung ſind. Ein und dasſelbe Geſetz gilt von dem Nerven⸗ und Muskelſyſtem wie von den Leiſtungen des Geiſtes und gewiß hat es bei dem engen Zuſammenhang von Leib und Seele ſeine hohe Bedeutung, wenn ein Forſcher bemerkt:Die tägliche Erfahrung lehrt uns, daß der Muskel um ſo kräftiger wird, je öfter wir ihn arbeiten laſſen. Die Muskelfaſer, die anfangs vielleicht ſchwach auf den Reiz antwortete, den ihr der Bewegungsnerv zuführt, thut dies um ſo energiſcher, je öfter ſie, natürlich mit den ent⸗ ſprechenden Pauſen der Erholung, gereizt wurde. Nach jeder einzelnen Aktion wird ſie aktions⸗ fähiger, zur Wiederholung derſelben Arbeit aufgelegter, zur Reproduktion desſelben organiſchen Prozeſſes geneigter. Dabei gewinnt ſie an Umfang, weil ſie mehr aſſimilirt als bei dauernder Ruhe. ²) Auch bei der geiſtigen Thätigkeit ſehen wir die Erſcheinung, daß ſie durch Übung und Wieder⸗ holung erſtarkt und ſo können wir wohl ſagen, daß ſie an alle Geſetze gebunden erſcheint, die für die

¹) Wundt, phyſ. Pſychol. Bd. 1 p. 225. ²) Hernig, das Gedächtnis als Funktion der organiſierten Materie, p. 13.