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Intereſſe für die allgemeinere Literatur und beklagte häufig, daß ihm ſo wenig Zeit bliebe, ſich mit derſelben bekannter zu machen. Zur Erholung las er zuweilen Abends eine Biographie, ein naturwiſſenſchaftliches Werk, auch mitunter gute Volksſchriften; Romane niemals.
Längere Zeit hindurch las er Abends vor Schlafengehen, nachdem er ein kurzes Gebet geſprochen, einen Abſchnitt aus der heiligen Schrift vor. Während der letzten Zeit ſeines Aufent⸗ halts in Mengeringhauſen war jedoch ſeine Bruſt ſo angegriffen, daß ihm auch dieſe Anſtrengung den Schlaf raubte und er ſie deshalb aufgab. Er machte es ſich wol zum Vorwurf, daß er nicht fleißig genug im Leſen der Bibel ſei, las aber doch meiſtens, wenn auch nicht ganz regel⸗ mäßig, Abends einen Abſchnitt derſelben mit der Gattin. Gelegentlich erwähnte er bei ihr ein⸗ mal, daß er als junger Menſch, namentlich als Hauslehrer in Pyrmont jeden Morgen eine Betrachtung aus Zſchocke's„Stunden der Andacht“ geleſen habe. Später ſuchte und fand er weniger Erbauung in Andachtsbüchern und ſchöpfte lieber unmittelbar aus der Quelle.— Bei Tiſch wurde ein Gebet geſprochen. 7
Die Kirche beſuchte er regelmäßig jeden Sonntag und ließ ſich nur durch ein ernſtliches Unwohlſein davon zurückhalten. In der erſten Zeit nach dem Aufgeben des Pfarramts war er oft wehmuͤthig, daß er nicht mehr ſelbſt die Kanzel zu beſteigen hatte, und wenn er es ſpäter zuweilen einmal that, ſo war er immer außerordentlich aufgeregt. Beſuchte er die Kirche als Hörer, ſo ſtrebte er nach Erbauung und Erhebung und ſuchte alles Kritiſtren von ſich fern zu halten.
Er und ſeine Gattin waren ſelten einmal getrennt, auf den meiſten Reiſen, auch zu den verſchiedenen Kirchentagen, begleitete ſie ihn. Vor ihr hatte er kein Geheimniß.„Ich bin ſo offen gegen Dich“, ſchreibt er ihr einmal,„ich lege meine innerſte Seele ſo klar, ſo durchſichtig, ſo ohne alle Einſchränkung und Rückhaltung vor Dir nieder,— wie noch nie vor Einem, wer es auch ſei.“
In ſeiner amtlichen Stellung fühlte er ſich glücklich, die Verdienſte Anderer erkannte er gern und rühmend an; nur vorübergehend beklagte er ſich über zu viele Arbeit und war in den bewegten Zeiten, die er mit erlebte, für Schule und Kirche mitunter von großer Sorge beunruhigt.
Curtze war ein ächter Patriot. Er liebte das deutſche Vaterland von ganzem Herzen. Er wußte als Gymnaſiallehrer in ſeinem Geſchichtsunterricht die Primaner mit Begeiſterung für Deutſchland zu erfüllen. Er behielt fortwährend das Ganze im Auge, erachtete es aber für ſeine Pflicht, ſich in ſeinem Streben auf die Heimath zu beſchränken, damit die Kraft nicht fruchtlos zerſplittere. Er hat auch das Kleinſte beachtet, wenn er dadurch dem Gemeinwohl nützen zu können glaubte. Ich will hier kein Gewicht darauf legen, daß er,„um ein kräftiges, einmüthiges Streben nach immer beſſerer Geſtaltung unſeres Lebens hervorzurufen“,„Corbach im Jahr 1840°* geſchildert, daß er ſchon in Corbach in Gemeinſchaft mit ſeinem Bruder Sinn für Verſchönerung der Todtenhoͤfe** erweckt und in Mengeringhauſen gleiche Sorge*** getragen hat; ich will dabei nicht verweilen, daß er mit ſeinem Bruder zuſammen ſchon 1836 einen Volksleſeverein für Corbach, Lengefeld und Lelbach, der jedoch nur einige Jahre beſtand, eingerichtet und ſpäter als Mitglied
* Siehe Waldeck. Zeitſchrift 1841. S. 173 ff., 195 338 ** Siehe Waldeck. Zeitſchrift 1841. S. 345. 7. g7 f. *** Siehe Zwölf Feſtpredigten von Carl Curtze. S. 26.


